Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1889)
- Date
- 1889-12-01
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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266 gefallen." „Trauere, Cypresse, eine Ceder Libanons ist gefallen"! In Dr. Samuel Hirsch beklagt das ganze jüngere Geschlecht der freisinnigen Rabbinen einen seiner gesinnungsfestesten und priucipientreuesteu Bannerträger der Reform, einen der wackersten und ehrlichsten Streiter fiir Wahrheit, Recht und Freiheit: „Ja, ganz Israel in allen seinen Reichen erkennt es an, daß Samuel Hirsch zum Propheten, zum Gottes-Herold durch seine felsenfeste Treue ausersehen, beglaubigt war." Zu keiner Zeit trat des Psalmisten Wort „Kostbar ist in den Augen Gottes der Tod seiner Frommen" mir so lebhaft vor die Seele als in diesem schmerzerfüllten Augenblick angesichts des entschlafenen älteren Freundes und Amtsbruders. Manchmal haben wir auf dem Gebiet theologischer Wissenschaft und Praxis mit einander gerungen, und wie mich, so hat er im Streit Viele die schneidige Schärfe seines Schwertes fühlen lassen. Um so mehr drängt es mich, hier zu sagen, daß Keiner unter den Lebenden oder bereits Heimgegangenen an dem hohen Ernste der Gesinnung, der Geradsinnigkeit und Wahrheitsliebe Dr. Samuel Hirsch's je zu zweifeln, Keiner, auch unter den entschiedensten Gegnern, ihm ihre volle Bewunderung für seine unerschütterliche Ueberzeugungstreue und Prinzipienfestigkeit zu versagen gewagt hätte. Ja, was man dem auf dem staubbedeckten Kampfplatz Stehenden nicht Zuerkennt, hier, wo die Laufbahn vollendet und das Leben abgeschlossen vor uns liegt, dem Parteistandpunkt entzogen; hier, wo wir das Schassen und Streben, das Wirken und Denken des Mannes nicht mehr nach unserem Geschmack und Wunsch modeln wollen, sondern nach der ihm eigenen Art, nach seiner ganzen Individualität, seiner Totalität bemessen und beurtheilen, hier sprechen wir's mit Ehrfurcht und Hochachtung aus: Dr. Samuel Hirsch war von der Sohle bis zum Scheitel ein ganzer Mann. Und wenn wir unter Propheten einen Mann begreifen, der nicht, auf breitgetretenen Wegen wandelnd, Vorgeschriebenes nachbetet', nachredet und nachahmt, sondern des eigenen Geistes Spuren sucht, der inneren Eingebung folgend, vom Himmelsfeuer in der Brust getrieben, die Menschheit auf neue Äahnen führt, so war Dr. Samuel Hirsch zum Propheten, zum Gottesboten der Wahrheit, ausersehen und beglaubigt. Freilich das junge Geschlecht der Epigonen, das in schönen, geschmeidigen und feingedrechselten Phrasen Alltagswahrheiten predigt, ahnt nicht und läßt nicht mehr erahnen, welche schwere Pionierarbeit es war, das Judentum aus der Enge der Judengasse, aus seiner orientalischen Umhüllung und rituellen Ueberwucherung zur Höhe der modernen Kultur, eines großen, die Weltreligionen zum Wettkampfe herausfordernden Menschheitsideals zu erheben. Wer den breiten ruhig dahinstießenden Strom sieht, der weiß nicht, wie mächtig der Waldbach gesprudelt, wie wild er an der Wiege geschäumt hat, durch Felsengeklüft sein Bett sich bohrend. Wo es gilt, über reißende Flüsse und gewaltige Untiefen Brücken zu schlagen, da sieht nian zuerst auf die festen Grundpfeiler und die Tragfähigkeit der Brücke, nicht auf den Baustil. Kraftmenschen, Feuerseelen, Flammengeister will man heute kaum auf der Kanzel oder sonst wo hören. Man liebt das Glatte, Sanfte, Schillernde, das in Gemeinplätzen Prunkende. Allein die schöpferischen Geister, die unruhigen Prophetenseelen, die uns das moderne Judentum gaben, die den Staub und Rost der Jahrhunderte von der Religion wegbliesen und ein neues Feuer anfachten, daß alle Herzen in helle Lohe ausschlugen und alle Geister in hellem Lichte erstrahlten, die frugen wenig nach der Form; ihnen war der Inhalt, der Kern, der lebendige, fruchtbare Gedanke Alles. Da habt Ihr Dr. Samuel Hirsch.