Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1889)
- Date
- 1889-11-01
- Page
- Seite 255 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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255 Dem wirds, wie dem Hund im Wasser gehn, Der vom Schein hat lassen sich bethören: Eines Tages Kost hat schwinden sehn, Strebend für den zweiten sie zu mehren. Der Wolf und der Kranich. Wer Uebelthäter dient nach Begehren, Hat Lohns genug, wenn sie ihn nicht versehren. Ein Wolf bat einst den Leu gar sehr — daß er sein Volk versammle um sich her, — und gab ihm an als Grund, — daß ihnr stecken blieb im Schlund — ein großer Knochen, der ihn drücke, — und daß er gewiß ersticke — käme nicht bald Jemand herbei, — der ihn vom Knochen mache frei. — Der Leu berief die Tiere und Vögel ein — von Groß bis Klein. — Sie kamen zum Wolfe wie befohlen war Allen — und fanden ihn starr, von Schmerz befallen. — Da bat er ihren Rat sich aus, — wie man den Knochen hol' heraus — Sie blieben indessen still, — denn sie dachten: „Er will — uns listig zum Straucheln bringen, — uns unter einem Vorwand, verschlingen, — und wenn wir nicht sprechen, — wirds ihm an einem Grund gebrechen." — Doch als er sie dringend bat vor Schmerz — zerschmolz wie Eis ihr Herz. — Sie traten zusammen um Rat zu pflegen — und sprachen nach genauem Erwägen — einmütig zum Wolfe: „Sei nicht bang, — sieh des Kranichs Hals ist lang — und sein Schnabel scharf, stark und spitz — der zieht den Knochen aus dem engen Sitz. — Kennst du ihn nicht, ruf' ihn nur herbei, — es ist keiner, der gleich ihm sei. — Er rief ihn und redete freundlich gar, — ob auch sein Herz voll Gift und Galle war — sprach zu ihm im huldvollen Ton, — und verhieß ihm großen Lohn, — sollte es ihm gelingen — den Knochen herauszubringen. — Der Kranich sprach: öffne den Mund, damit ich sehe, — ob ich dich befreien kann vom Wehe. — Der Wolf sperrte den Mund auf gar weit — indeß stellten sich alle bei Seit, — denn sie waren angstbeklommen — fürchteten ihm näher zu kommen. — Der Kranich packte nun den Knochen an — und zog dem Wolfe ihn aus dem Rachen dann. — Doch als er vom Wolf für den gezogenen Knochen — den Lohn verlangte, den er versprochen, — erwiederte er ihm ohne Scham: — „Wer ist's, der je so was vernahm? — Mir ist große Kraft gegeben, — meine Zähne machen beben, — in meinem Rachen wohnt Verderben — wer kam je wie du hinein ohne zu sterben? — Ich habe doppelt dich belohnt — da deiner mein Gebiß geschont. — Zieh' weg sonst werde ich der Mörder dein, — es soll dein Leben deine Beute sein. H Dies ist ein Gleichnis für den Manu, den sein Nächster ehrt, — dem er thut, was er begehrt, — dem er dient so gut er kann; — doch fordert er Lohn von jenem Mann, — verschließet dieser hartherzig das Ohr, — enthält ihm das Verdiente vor; — so handeln Niederträchtige, — böser Thaten Mächtige. — Mein Gedicht — das spricht: Der Reiche läßt, gestützt aus seine Habe, _Den Nächsten dienen sich wie einen Knecht. ') Vergl. Jerem. 39, 18.