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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-11-01 · Heft 11 (1.11.1889) · p. Seite 252

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 11 (1.11.1889)
Date
1889-11-01
Page
Seite 252 (sequence 12)
Language
German
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252 R. Chanina pflegte an jedem Freitag einem Armen seiner Nachbarschaft 400 Sus zn schicken. Einst brachte seine Frau diese Summe dem Armen in's Haus. Nach ihrer Rückkehr erklärte sie km Manne, daß diese Leute der Unterstützung nicht bedürfen, denn bei ihrem Eintritte in's Haus hörte sie die Frau ihren Mann fragen: Sollen wir heute die leinene oder die seidene Tischwäsche auflegen? Wären sie wirklich Betrüger, sprach R. Chanina, müssen wir ihnen auch dankbar sein, denn sie schützen uns vor Strafe. Denn wären alle Armen wirklich so notdürftig, wie sie es sagen, dann würden wir uns schwer versündigen, wenn wir nicht allen Armen ihre Bitten gewährten, wie es heißt (Deuter. 15, 9) : „Er würde gegen dich Gott anrufen und du hättest eine Sünde." Durch die Täuschungen der Armen haben aber die Reichen eine Entschuldigung für die Abweisung mancher Armen.r) Hat der Arme ein Haus und schöne Einrichtung, welche sogar den Wert von 200 Sus übersteigen, deren Besitz ihn ausschließen von der Beteiligung an der Armengabe auf km Felde, so darf er darum nicht gezwungen werden, diesen Besitz zu veräußern, uni sich in den Besitz der Summen zn setzen, sondern es muß ihm Haus und Einrichtung, woran er gewöhnt ist, verbleiben und er kann dennoch die Gaben in Empfang nehmen. Nur etwa silberne oder gar goldene Geräte, deren er sich bedient, muß er in minderwertige Umtauschen, damit er Besitzer einer Summe sei, mit welcher er sich schon ernähren könne und nicht zu den Armen, die Feldgaben erhalten, gezählt werden müsset) R. Jona lehrte: Wenn ein vornehmer Mann sein Vermögen verloren hat, so gehe man zu ihm und sage ihm: Ich hörte, daß dir eine große Erbschaft in Aussicht steht, oder daß du eine große Schuldforderung in der Ferne hast, du könntest bis das Geld einläuft, von mir ein Darlehen annehmen, damit du nicht in Geldverlegenheit geratest. Will er es später einmal bezahlen, so sage man ihm, daß es ein Geschenk war.s) Immer wenn der Arme Geschenke nicht annehmen will, so schlage man ihm ein Darlehen vor und wende ihm auf diesem Wege die Unterstützung zu.4) Um die Armen zu erziehen und ihnen den Stempel des Bettelns zu benehmen, sollen sie wie Hausgenossen ausgenommen und gehalten werden. „Dein Haus sei jedermann weit geöffnet und die Armen seien deine Hausgenossen."^) Besonders waren die Feiertage Israels dazu bestimmt, um den Armen jeden Stachel ihres Mangels, ihrer Notdurft aus ihrer Besitzlosigkeit zu nehmen und ihnen das Gefühl der Gleichheit mit allen Brüdern tief ins Herz zu Pflanzen. Sowohl beim Wochenfeste, als auch beim Hüttenfeste heißt es (Deuter. 16, 11 und 14): „Freuen sollst im dich vor Gott deinem Herrn, du und dein Sohn und deine Tochter, und dein Knecht und deine Magd, und der Levite, der in deinen Thoren sich befindet und der Fremde und die Wittwe und die Waise, die in deinen Thoren sind." Das erste Wort, mit welchen: das Freiheitsfest Israels eingeleitet wird, lautet: „Jeder Hungrige komme und esse mit, jeder Bedürftige komme und nehme an dem Feste theil." (Hagada). R. Huna öffnete stets die Thüren und Zugänge zu seinem Hause, wenn er zu speisen Pflegte, damit jeder ohne Weiteres an seinem Tische einen Platz und Nahrung finde.") Hüte dich, daß deine Thüre während des Essens geschlossen seien, das könnte dir die Armut bringen/) heißt es. ■) Kethub.; *) ebend. 68; 3) Ja» Ps. 41; 4) B. mezia 31; ») Aboth 1, 5; Scan. 20; 7) Trcct. Derech Erez.

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