Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1889)
- Date
- 1889-11-01
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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250 diesen Mann der Wissenschaft, der am 12. November d. I. seinen siebzigsten Geburtstag feiern wird, noch lange, lange in unserer Mitte frisch und kräftig erhalten! Dr. I. Hamburger. Waschi's Stuhl' und Lutßer's Denkmal in Worms a. Hlh. Bon M. Man nheimer in Darmstadt*) Welche Zusanimenstellung! wird mancher Leser dieser Zeilen denken, doch Geduld! Das Leben und Wirken Luthers, des großen Reformators, ist allbekannt und in Aller Gedächtnis. Aber wer war Raschi? Das Wort Raschi ist bekanntlich zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben von Kabbi Schlomo Iizchaki. Raschi war in Trohes in der Champagne (jetzigen Hauptstadt des französischen Aubdepartements) um das Jahr 1030 geboren. In seiner Jugend besuchte er die berühmten Talmudschulen zu Mainz, Worms und Speyer, und erst nachdem er das ganze Gebiet des Talmuds bewältigt hatte, kehrte er nach Trohes zurück, wo er die Stelle eines Rabbiners einnahm. Gehalt bezog er nicht, denn das Rabbinat war in dieser Zeit und noch lange nachher ein Ehrenamt, das nur dem Würdigsten übertragen wurde und der Rabbiner mußte nicht nur im Wissen, sondern auch in der Tugend, insbesondere in der Nüchternheit, Genügsamkeit und Gleichgültigkeit gegen den Mammon der Gemeinde voranleuchten. Dem Muster eines Rabbinen entsprach Raschi am vollkommensten und die jüdische Nachwelt erblickt in ihm ein wahres Ideal. Er war und blieb arm, aber seine Armut hielt ihn nicht ab, von Zeit zu Zeit nach Worms zu reisen und dort seine Lehrtätigkeit auszuüben. Und sowohl als Lehrer seiner zahlreichen Schüler, die nach Trohes oder nach Worms zil ihm hinströmten, als auch in den Antworten, die er auf die an ihn aus nah und fern gerichteten gutachtlichen Anfragen ertheilte, bezeugte er seine außerordentliche Belesenheit in allen biblischen und talmudischen Schriften, den durchdringenden Geist, mit dem er seinen Gegenstand beherrschte, und zugleich auch die liebenswürdige Bescheidenheit, die von der eigenen Bedeutung keine Ahnung zu haben schien. Seine Hauptwerke sind der Kommentar (Konteros) zum Talmud und der Kommentar zur Bibel. Seine Erklärungen, die er über den größten Teil des Talmuds niederschrieb, sind ein Muster für Scholien, einfach, wortkarg — er setzt kein Wort zu viel und keines zu wenig — und doch deutlich und lichtvoll. Die Wort- und Sacherklärung ist für den Anfänger wie für den tiefeindringenden Fachmann berechnet. Er verstand es auch, durch einen geschickt angebrachten Ausdruck oder durch eine sprachliche Wendung Mißverständnissen vorzubeugen und Einwürfen zu begegnen. Raschi verfaßte auch Erklärungen zu den meisten Büchern der heiligen Schrift, und auch darin ist sein Stil kurz, einfach und doch lichtvoll und der erziehende Ton dieses Kommentars macht diesen noch heute zum Liebling Aller, die sich mit der Bibel ernstlich beschäftigen. Raschi's Wahrheitssinn und richtiger Takt leiteten ihn auf den richtigen Wortsinn und passenden Zusammenhang. Von einer mystischen Auslegeweise wußte er noch nichts. Nur ließ er sich manchmal dabei von der agadischen Auslegungsweise führen in der *) Dieser Aufsatz, den uns unser gesch. Mitarbeiter zugehen ließ, hat dadurch, daß in Worms jüngst einer Straße derName „Raschi-Straße" beigelegt wurde, aktuelles Interesse. D. R.