Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1889)
- Date
- 1889-11-01
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969768-2969780--2729-2972923- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
245 das man nicht anrührt, damit es sich nicht abbröckele. Auf diese Weise kann man's ja Allen recht machen, den Altfrommen, die darin eine nützliche Förderung ihrer Zwecke erblicken, den Gleichgültigen, denen auf dem Gebiete der Religion Alles und Nichts dasselbe bedeutet, und endlich auch den Aufklärern, die ja bei all' der fortgeschrittenen Einsicht, deren sie sich rühmen, doch in einem geheimen Schrank ihres Herzens einen Rest von Anhänglichkeit an das Ueberkommene, und wenn's auch nur ein gut Stück alten Aberglaubens wäre, sich aufbewahren möchten, aber am Meisten würde nur die Religion darunter leiden, die uns doch etwas mehr als eine sinkende Mauer und ein zusammenbrechendes Gebälke sein will. Das Judentum muß eine Religion des Lebens und nicht des Todes sein und wer ihrem Lichte die Wege bahnt, ihrem inneren Geiste die Zugänge in das Leben öffnet, der verdient wahrlich nicht, ein Zerstörer und Verheere! genannt zu werden, er ist es vielmehr, der die klaffenden Risse der Herzen heilt, der die Wege bahnt und die Pfade ebnet, die zur wahren Gottesfurcht uns zurückführen. Wir wollen den Frieden, aber nur den Frieden ohne den inneren Widerspruch. Der Widerspruch zwischen Erkenntnis und Glauben, zwischen Religion und Leben muß aus unserer Mitte gebannt werden, diese dürfen uns nicht als Gegensätze erscheinen, die einander ausschließen oder die man auf dem Wege der Heuchelei und der Lüge versöhnt. Die wahre Wissenschaft, die nicht in der Einbildung gipfelt, nicht bei halber Erkenntnis stehen bleibt, nicht in leere Hirngespinnste ausläuft, hat noch immer zu dem Lichte der Religion sich anfgeschwungen, und die Religion, die als Offenbarung göttlicher Weisheit in unseren Herzen lebt, verleiht uns die feste Zuversicht, daß der echte innige Glaube und Gottessinn durch ernste Denkarbeit nur gestärkt und nicht erschüttert wird. Auch das Leben mit allen seinen mannigfachen Anforderungen und Beschäftigungen steht der Religion nicht im Wege, nur muß diese auch eine Stimme in nnserem Herzen haben, um ihre Forderungen dahin geltend machen zu können, daß die Grenzen, die durch ihre heiligen Gebote der Wahrheit und Gerechtigkeit uns gezogen sind, nicht überschritten und die Schranken nicht durchbrochen werden, innerhalb deren allein unser besseres Menschentum und unser ewiges Seelenheil uns gesichert ist. Solche Versöhnung zu stiften, solchen Frieden herbeizuführen, ist und bleibt für uns eine hohe und unerläßliche Pflicht. Wir haben die große Aufgabe, aus den Trüinniern der Vergangenheit das niedergesunkene Judentum wieder aufzurichten, seine geistige Grundlagen für die Zukunft fortzuerhalten, seine Risse zu heilen, seine Wege zu bahnen, das Licht unserer Lehre wieder in seinem vollen Glanze ausstrahlen zu lassen. O möge solch' heiliges Wollen uns beseelen, mögen wir zu solchem Streben uns aneifern und zu solchem Wirken uns verbinden, dann haben wir vor dem Ewigen einen festen Bund der Versöhnung geschlossen, einen Bund, der uns auch mit unserem Gotte vereint, einen Bund des Lichtes und der Erhebung, einen Bund der Tugend und der Gerechtigkeit, einen Bund der Wahrheit und des Friedens. Daniel Sanders, ein Leöensöikd. Professor Di-. Daniel Sanders, der deutsche Sprachforscher und Lexikograph, der durch sein großes „Wörterbuch der deu sehen Sprache mit Belegen von Luther bis auf die Gegenwart" (Leipzig, 3 Quart-