Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1889)
- Date
- 1889-11-01
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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244 können, ja es in solcher Gestalt gar nicht mehr besitzen, und dennoch für alle Zukunft es bewahren wollen, so antwortet uns der Prophet: Ihr braucht nicht erst etwas aus ihm zu machen, es ist schon fertig und vollkommen in sich selbst. Führt es nur auf seine alten Grundlagen wieder zurück, baut es nur auf dem heiligen Boden, auf dem es von jeher bestanden hat, wieder auf und ihr werdet erkennen, daß es auch in seiner neuen Gestalt von seiner alten Herrlichkeit nichts verlieren kann! Darauf kömmt es aber eben an, daß für das Heiligtum der Religion, das wir aus seinen Trümmern erheben, wieder die rechten und sicheren Grundlagen hervorgeholt werden. Sind diese morsch und hinfällig, dann mögen wir noch so viele Bausteine emporschichten, noch so viel Mörtel hinzuthun, noch so viel Tünche aufstreichen, solches Werk hat doch keinen Bestand, es zeigen sich gar bald an ihm die häßlichen Risse und Sprünge und wie der erste Sturm losgeht, bricht das Ganze haltlos in sich zusammen. Die wahre Grundlage des Judentums ist aber der Geist und nicht die Satzung seiner Lehre, ist die Glaubenswahrheit, die es uns verkündet, und nicht die äußere Form, in der es sich darstellt. Es soll damit nicht gesagt sein, daß wir die Formen so leicht entbehren und verwerfen können, wir kennen ihren weisen Zweck, wir achten ihren heiligen Inhalt, aber sie dürfen dem Geiste der Religion nur eine schützende Schranke, nicht eine drückende Fessel sein, sie dürfen nicht über den Geist der Religion gestellt und zur Stütze der Scheinheiligkeit gemacht werden. Die Herzenspflichten, die Reinheit und Heiligkeit der Gesinnung, echte Lebenstugend und wahre Gottesliebe gebieten, die sind viel wichtiger, die stehen, wie uns die weisesten Männer Israels längst darüber belehrt haben, viel höher als die Satzungen und wenn die letzteren allein unser ganzes religiöse Thun ausmachen, den ganzen Inhalt des jüdischen Gemeindelebens bilden sollen und der innere Geist der Religion leer ausgeht und überhaupt nicht in Betracht kömmt, so ist das als eine Verkehrtheit anzusehen, die nicht genug beklagt und nicht genug mißbilligt werden kann. Das Judentum ist eine Religion des Geistes und nicht der Form und wenn uns diese gar dazu dienen soll, jenen zu bekämpfen und zu verdrängen und als Ersatz für die mangelnde Gesinnungsreinheit einzutreten, so ist das ein verwerflicher Mißbrauch derselben, der die Frömmigkeit zur Sünde macht und das Judentum in Heidentum verwandelt. Die Satzungen sind nicht das Ganze der Religion, sondern nur ein Theil und zwar der minderwertige Theil derselben, sie sind nicht das Wesen des Judentums, sondern nur seine äußere Umhüllung. Nichts mehr als diesen Gedanken haben wir festzuhalten, uni mitten in der Wirrnis und Verödung, die ans dem Gebiete des Judentums sich ansbreitet, eine heilsame Neugestaltung desselben anzubahnen und unerschütterliche Grundlagen für seinen Fortbestand in der Folge der Zeiten zu schaffen. Der Geist des Judentums, in seiner Größe erkannt, in seiner Tiefe erfaßt, wird in unserein Suchen nach Wahrheit uns nicht irreführen und in solchem Wirken in seinem Dienste uns stets auf das Richtige hinleiten. Und kann das etwa ein Werk des Umsturzes und der Verwüstung genannt werden? Bedeutet das nicht vielmehr den wahren Aufbau des Judentunies, wenn Staub und wüstes Gerölle, das auf seinem Boden hingeschüttet liegt, abgeräumt und die alten Grundsteine, die man verworfen hat, wieder herbeigesucht, wieder in ihrem Boden festgestellt werden, um uns zur steten nimmer wankenden Stütze unseres Geisteslebens zu dienen? So klug könnten wir allerdings auch sein, das Judentum als ein altes verfallendes Gemäuer anzusehen, das man stehen läßt, so lange es sich erhält,