Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1889)
- Date
- 1889-11-01
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969768-2969780--2727-2972921- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
243 angetroffen, indem auch sie im Punkte des Weltsinns und der Vergnügungssucht hinter den Anschauungen der Neuzeit nicht zurückbleiben wollen. Das Judentum ist nach dem Zusammenbruche seines alten Gefüges, das heutzutage weitaus nicht mehr von der Gesamtheit seiner Bekenner getragen wird, fast nur zu einem Trümmerfelde geworden, auf welchem Ziegel, Balken, Sparren und Steine in wüster Unordnung umherliegen und je nach Einfall, nach Laune, nach Belieben und Gelegenheit, nach Gefallen und Gewohnheit, der eine diesen, der andere jenen Mauerrest sich heraussucht, und, indem er ihn ergreift, mit ihm auch den ganzen Schatz der Religion, des wahren Gottessinnes, gefunden zu haben glaubt. Haben wir auch das unsere gethan, um dieser Zerfahrenheit zu steuern, um dieser Zersplitterung Einhalt zu thun? Haben wir uns redlich bemüht, eine Neugestaltung des Judentums, das in diesem Zustande unmöglich fortbestehen kann, herbeizuführen? Einzelnen ist zwar diese Verwahrlosung unseres heiligen Gotteserbes gar sehr zu Herzen gegangen; sie wollten helfen, sie wollten bessern; sie wußten auch, was zu thun sei' und widmeten sich mit Begeisterung der hohen Aufgabe, die die Zeit an sie stellte, aber was half es, wenn die Theilnahme, die solch edlen Bestrebungen entgegengebracht wurde, bald wieder erlosch, das Verständnis für dieselben allmälig entschwand und man das Judentum, für das man überhaupt keinen Sinn mehr hatte, am Besten sich selbst überlassen wollte, niag daraus werden was da will? Wenn da Ordnung bestehen würde, müßte man sich ja auch eine gewisse Unterordnung gefallen lassen und zwar unter höhere Geistesgesetze, die nicht wie ein schwankendes Rohr sich umbiegen lassen, und dürfte nicht in allem nur das Spiel der Laune und des Zufalls walten lassen. Für viele liegt aber gerade darin der ganze Reiz und Wert des Judentums, daß sie sich da in zügelloser Ungebundenheit bewegen können. Gerade auf dem heiligen Gebiete der Religion soll, wenn es unserer Meinung nachgeht, die volle Willkühr herrschen, bei der man sich mit ihr alles erlauben darf und vor Alleni niemals mit ihr Ernst zu machen braucht. Daß das Judentum als ein stattlicher Bau von festem und einheitlichem Gefiige vor unseren Augen dastehe, das ist uns nicht einmal recht, wir sehen es lieber in seiner inneren Erniedrigung und in seiner armseligen Herabgekommenheit, wir sehen es gerne als einen Steinhaufen, den man, wenn man gerade darankömmt, auch ein wenig auseinanderwerfen kann, es soll für uns nur eine Trümmerstätte sein, auf der sich's bequem herumtreten läßt, ohne daß man erst viel fragen muß, ob da nicht Wertvolles beschädigt und vernichtet werde. Da können auch die Füchse ungestört umherlaufen und sich überall hindurchwühlen, das Feld ist ihnen überlassen, und will sich's je einmal jemand einfallen lassen, diesen wüsten Boden ein wenig säubern zu wollen, dann mag er sich nur vorsehen, daß ihm nicht aus unsichtbarem Hinterhalte, oft sogar auch von verborgener Freundeshand, die Steine an den Kopf geworfen werden, die man zwar sonst nicht beachtet, aber für solchen Zweck vortrefflich zu verwenden versteht. Wir wollen von Frieden sprechen und wir sind durch und durch voll der Lüge und des Widerspruches! Wie könnte es sonst geschehen, daß Gottlosigkeit und Gesetzeseifer sich verbinden» daß Frömmelei und Unglaube einander die Hand bieten, daß man das, was man verwirft, zugleich auch erwählt, das, was man aufgiebt, zugleich auch behält? Haben wir denn das Judentum zu nichts Anderem da, als daß es uns zum Tummelplatz unserer Launen diene? ist es in Israel noch nicht genug des freventlichen Spiels? ist es nicht endlich Zeit, daß ans unseren Trümmern wieder neues Leben erstehe? Und so wir nun fragen, was wir denn aus dem Judentume eigentlich machen sollen, wenn wir es in seiner hergebrachten Form nicht mehr forterhalten 21*