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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-11-01 · Heft 11 (1.11.1889) · p. Seite 242

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 11 (1.11.1889)
Date
1889-11-01
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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242 gefällt und gleichgiltig und teilnamslos bleibt, wo Thaten gefordert werden, wo wackeres und beharrliches Wirken nicht entbehrt werden kann. Wer da spricht: Ich habe meinen Frieden, wenn ich für mich ungestört lebe, nur dem Belieben meines Herzens folge und nur meinen Willen als meinen Gott ansehe, ich brauche kein höheres Gesetz des Ewigen und mir ist es ganz gleich, ob die Religion besteht oder verfällt, ob Israel seinen! Gotte treu bleibt oder ihn verläßt, von dem sagt auch die heilige Schrift, daß ihm der Ewige diese Selbstzufriedenheit nicht verzeihen könne und alle Versöhnungstage solche Sünde nicht auszulöschen vermögen. Nicht ein Friede der Geistesträgheit, nicht eine Ruhe der Gedankenlosigkeit ist es, was wir als den vollen Ertrag und Inhalt unserer heutigen Feier anzusehen haben; der Friede, den sie uns bringen will, soll uns vielmehr zu edlem Wirken aneifern, und die heilige Festesruhe, die sie über unsere Seele ausbreitet, uns nur eine weihevolle Vorbereitung für die ersprießliche unb eifrige Thätigkeit werden, die im Dienste unseres Gottes und seiner Lehre von uns gefordert werden muß. Wollen wir die Mahnung des heutigen Tages richtig verstehen, ernstlich befolgen, dann hören wir, was der Prophet, dessen Worte heute in allen Gotteshäusern Israels verkündet werden, uns zürnst: Zerstörtes der Vergangenheit soll durch dich wieder auferbaut werden, Grundlagen für kommende Geschlechter sollst du feststellen, man soll von dir sagen können, daß du deine Risse verbessert, daß du die Wege wieder gebahnt hast, die in deine wahre Geistesheimat dich zurückführen. Wahrlich! Diese Aufgabe ist groß genug, um uns vor achtloser Unthätigkeit zu warnen, sie tritt besoiiders in unserer Zeit in ihrem ganzen Ernste, in der vollen Schwere ihrer Bedeutung an uns heran. Mögen wir sehen, was sie von uns fordert, zusehen, wie wir ihr Nachkommen und einsehen, wie weit wir für ihre Erfüllung zu sorgen haben. „Aus Trümmern vergangener Zeiten soll durch dich ein neuer Bau aufgerichtet werden." Was hätten wir nicht alles zu thun, wenn wir an diese Arbeit, die schon lange unserer harret, die des Fleißes rüstiger Werkleute bedarf, einmal ernstlich Hand anlegen und unser Judentum, das vor unseren Augen so tief herabgesunken ist, aus seiner Verfallenheit wiederaufrichten wollten! Die Stürme, die in unserem Jahrhunderte auf allen Gebieten des Lebens einer neuen Geistesentwicklung die Wege gebahnt haben, sind auch an dem Judentume nicht spurlos vorübergegangen, sie haben es in allen seinen Fugen erschüttert, sie haben manches Bollwerk, das ihm zur Schutzwehr diente, durchbrochen, sie haben manche Zäune und Mauern, von denen wir Jahrhunderte hindurch das heilige Gebiet unserer Lehre umschlossen sahen, hinweggerissen. Wer, wenigstens in der Erinnerung, die alte Zeit noch mitgelebt hat und dann auch von den Wellen der neuen Geistesströmung ergriffen wurde, der kann es wohl einsehen, daß das Judentum unserer Tage nicht mehr in allen Stücken deni von ehedem gleich ist, und wir können uns dessen auch für überzeugt halten, daß es mit all' der erkünstelten Altertümelei, hinter der man die Anschauungen einer neuen Zeit nur schlecht zu verbergen vermag, auf den früheren Zustand nicht mehr zurückgeschraubt werden kann. Wir finden heutzutage die Frömmigkeit nicht mehr, die in der Gottesverehrung die alleinige Lebensaufgabe des Menschen erblickt; der strenge düstere Ernst unserer Altvordern, ihre weltflüchtige Abgeschlossenheit, ihre Entsagung, in der sie auf allen Genuß irdischer Freude verzichten konnten und diese in der That auch als etwas Nichtiges ansahen, das sich mit der wahren Gottesfurcht nicht verträgt, das ist uns heute fremd und unverständlich geworden und wird auch bei denen, die durchaus das alte Judentuni in seiner äußeren Form und Unform zu erhalten suchen, nicht mehr

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