Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1889)
- Date
- 1889-10-01
- Page
- Seite 232 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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232 damit er zu jeder Zeit eine Gabe bereit habe, wenn ein verschämter Armier sich einfände, und er ihn nicht durch das Wartenlassen auf die Gabe beschäme? Vier Eingänge hatte das Haus nach den vier verschiedenen Himmelsgegenden, damit der Arme von jeder Seite in der kürzesten Zeit eintreten und Unterstützung finden könnte. Wer immer hungernd eintrat, verließ satt das Haus. In den Jahren der Not, der Theuerung, wurde Getreide, Weizen und Gerste, vor das Haus gegeben, damit jeder, der sich schämte, des Tages Gaben anzunehmen, es des Nachts unbemerkt thun könnet) In der Nachbarschaft des Mar Ukba lebte ein Armer, dem er täglich 4 Gulden in die Rinne der Thürschwelle legte. Eines Tages sagte der Arme: „Ich will doch sehen, wer mir diese Wohlthaten erweist," und stellte sich auf die Lauer. Noch vor Tagesanbruch ging Ukba, begleitet von der ihm leuchtenden Frau ins Lehrhaus und legte seine Gabe an den bestimmten Platz. Alsbald lief der Arme hinaus, um ihn zu sehen, beide aber liefen davon und verbargen sich, um nicht verraten zu werden, in einen Ofen, der geheizt war, wobei Mar Ukba seinen Fuß versengte, während seine Gattin unversehrt blieb. Dieses Verdienst schrieb die Gattin dem Umstande zu, daß sie im Hause den Armen ihre Bedürfnisse sofort gewähren könne, während ihr Gatte nur Geld dem Armen gebe, und diese noch die Mühe haben, dafür das Notwendige selbst herbeischaffen zu müssen. Seine Scheu sich zu verraten, die ihn sogar in einen geheizten Ofen trieb, erklärte er mit den Worten der Weisen: „Besser ist es einem Menschen, sich selbst in einen Glutofen zu stürzen, als seinen Nächsten öffentlich zu beschämen."?) R. Aba pflegte Geld in ein Tuch zu binden und es hinter sich fallen zu lassen, damit es die Armen aufheben, doch achtete er wohl darauf, daß es nicht in Unrechte Hände gelangte. Der Wundarzt Aba, welcher sich hauptsächlich mit Aderlässen beschäftigte, hatte auf einem verborgenen Platze eine Büchse angebracht, in welcher jeder die Zahlung hineinwarf. Der Arme brauchte, ohne beschämt zu werden, nichts hineinzuwerfen. Von armen Gelehrten nahm er nichts, gab ihnen noch beim Weggehen etwas Geld, damit sie sich nach dem Blutverluste besser nähren könnten. Abaje wollte ihn einst auf die Probe stellen und schickte zwei Gelehrte seiner Schule zu ihm. Er nahm sie freundlich auf, gab ihnen zu essen und zu trinken und bereitete ihnen ein gutes Nachtlager. Des Morgens entfernten sich die Gäste in aller Stille uud nahmen die Bettdecken mit. Sie gingen auf den Markt, um sie zu verkaufen, und als sie ihren Wirt dort trafen, baten sie ihn, ihnen die Decken nach ihrem Werte abzuschätzen. Er gab den Preis an. Vielleicht sind sie doch mehr wert? fragten die Männer. Nein, versetzte er, um so viel kaufte ich selbst solche. Das sind die deinen, die wir mitgenommen, sprachen sie, und es geschah in der Absicht, dein Benehmen zu prüfen. Doch gestehe uns nun, was dachtest du von uns, als wir mit den Decken von dir vermißt wurden? Ich dachte, versetzte er, die Rabbiner wollen vielleicht einen Gefangenen durch ein Lösegeld befreien und schämen sich, von mir eine Beisteuer zu verlangen, so nahmen sie die Decken als den notwendigen Beitrag. Nun so nimni dein Eigentum wieder! Um keinen Preis, versetzte er, denn ich bestimmte sie in meinem Geiste bereits einem wohlthätigen Zwecke. In aller Stille muß der Arme die Mittel zu seinem Unterhalte erlangen, ') Berach. 48. «) Kethub. 67. 3) Ebend. *) Taanith 21.