Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1889)
- Date
- 1889-10-01
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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227 Vor der Sklavin jetzt die Herrin schweiget; Vor der Lüge, deren Wort berückt, Steht beschämt die Wahrheit, tief gebeuget, Weil ihr jede Stütze ist entrückt. Der Wolf und das Lamm am Bache. Jedweder denkt an eigene Beglückung Und an des armen Bruders Bedrückung. Mit dem Willen, — seinen Durst zu stillen — kam ein Wolf an einen Bach; — da erblickte er ein Lämmchen schwach, — als er sich umsah nach allen Seiten, — ihm gegenüber stehn, vom Weiten. — Sogleich rief er dem Lamm zu: — Warum gönnst du mir nicht Ruh? — Des Flusses Herr bin ich — gemacht ist er für mich! x) Das fromme Lämmchen gab zur Antwort — in sanftem Ton von seinem Standort: — Herr und König! was Hab ich Schlechtes begehrt? — Dich Hab' ich stets als Herrn verehrt. — Hierher kam ich um Wasser zu schlürfen, — und kehr' zurück, sollt ich's nicht dürfen; — doch still, es ist zum Schweigen Zeit. — Da sprach der Wolf mit Heftigkeit. — Du sprichst mit mir so ohne Bangen? — sind je Wolf und Schaf gegangen — gemeinschaftlich zu weiden, — oder wer sah je die Beiden — sich zusammenstellen — an des Wassers Quellen, — um sich zu laben — wenn Durst sie haben? — Du hast das Wasser getrübt,— also ein Verbrechen verübt; — denn ich kann nicht trinken nach Begehren — und muß beschämt und durstig umkehren. — Außerdem übte Verrat — durch Wort und That — einer deiner Vorfahren — an mir vor Jahren. — Das Lamm antwortete bescheiden: — Mein Herr zu freveln solltest du meiden; — ich bin noch jung und klein — und soll schon dem Tod verfallen sein? — warum willst du sinnen, — mit deinem Nächsten Streit zu beginnen? — Wohl soll man töten Missethäter — doch nicht die Kinder für die Väter. Er entgegnete: Du sollst mich nie mehr sehn — durch dich beschämt und durstig stehn, — und erschlug das Lamm zur Stell', — zog ihm ab das Fell, — zerriß sein Fleisch hierauf — und fraß es auf. — Für den, der nach dem nur ringt, — was ihm Vorteil bringt, — wie für den Großen, der verschlingt, — den, der klein, — soll dies ein Gleichnis sein. — Auch manche Beamte und Richter sind schlecht, — denn sie beugen das Recht, — ziehen andren aus das Gewand, — entreißen das Geld ihrer Hand. — Drum lebt des Weisen Spruch im Munde: — Durch Unrecht geht mancher zu Grunde.s) — Mein Gedicht — das spricht: — Mit Liebe hangt der Thor der Thorheit an, Zum Spotte sich die Spötter neigen, Mit kühnem Trotze spricht der reiche Mann, Und bringt bescheidnen Mund zum Schweigen. — *) Ezech. 29, 3, 9. 8) Deuteronom. 24, 16. 3) Spr. Sal. 13, 23.