Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1889)
- Date
- 1889-10-01
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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226 Ich wähle Wesen für meine Vergleiche — aus dem Tier- und Vogel- Reiche, — um die Tugendschwachen, — kräftig zu machen, — die Würmer die kriechen auf Erden, — sollen Sinnbilder der Menschen werden, — und der Löwe eröffne den Reih'n — weil er herrscht über Groß und Klein. — Der kranke Löwe ltnb die anderen Thiere. Der Reiche hat gar viele Freunde So lang das Glück ihm bleibt gewogen. Sie werden aber seine Feinde Sobald es von ihm fortgezogen.') Ein alter Leu, der krank sich fühlte, — dessen Jnnres Brand durchwühlte, — verzweifelte in seiner Seele,— weil er nicht wußte, was ihm fehle, — noch ob er leben, ob sterben werde. — Da kamen aus allen Winkeln der Erde, — zu schauen des Löwen Fall, — die Tiere all' — manche mit Freundschaft im Herzen, — manche zu sehen seine Schmerzen, — die Einen hoffend auf die Krone — nach erledigtem Trone, — die Andern aus Verlangen — zu erfahren, wer empfangen— werde die Herrschermacht, — wenn den Löwen umschlossen Todesnacht.— Dieser erkrankte jetzt so sehr, — daß er selbst nicht wußte mehr, — ob er noch Leben habe — oder schon ruhe im Grabe. — Da trat der Ochse heran — und stieß mit dem Horn ihn an, — um zu prüfen, ob schon erschlafft — des Löwen ganze Kraft. — Das Kalb trat ihn mit Füßen — der Fuchs verletzte sein Ohr mit Bissen, — das Schaf spielte, auch nicht faul, — ihm mit dem Schwänze ums Maul — sprechend: möchte er doch sterben — und sein Name verderben! — und es pickte ihm auch der Hahn — die Augen aus und das Fleisch vom Zahn. — Doch als des Löwen Geist sich wieder stärkte — und er bemerkte — seiner Feinde freudiges Walten — entströmt die Klage dem Alten: — „Weh' dem Tag, da meine Vertrauten — mit Verachtung auf mich schauten! — Da meinen Krallen — die Kraft entfallen — und sich wandelte * meine Pracht — in Nacht. — Jetzt üben meine früheren Knechte — an mir Herrscherrechte; — es zeigen jetzt nur Feindesmienen, — die mir eh'mals Freunde schienen." — Dies ist ein Gleichnis für den Erdensohn — auf des Reichtums und der Ehre Tron; — alle, die mit ihm verkehren, — wollen ihn bedienen, ehren, — doch kommen für ihn Unglückstage, — wird die Armut seine Plage: — seht, wie sie rennen, — sich rasch von ihm zu trennen! — Selbst seine Tugend wird verachtet, — sie schmäh'», den sie geachtet; — statt der Ehre Heil — wird ihm Schmach zu teil. — Wenn verarmt, wer reich, — wird er Freunden Fremden gleich. — Und als ich Brachja, diesen Wechsel erwogen, — und in Betracht bezogen — wie sie, von Zorn befangen, — mit dem Edlen umgegangen — klagte ich in meinem Liede bang — indem ich sang: Ach daß vor dem Kalb der Leu sich neiget, Vor dem Fuße jetzt das Haupt sich bückt, Daß man stolz des Truges Fahne zeiget Die der Treue in den Staub nur drückt! Sieh, der Hohe sinkt, der Niedre steiget, Und der Frevler wird gar hoch beglückt. ') Spr. Sal. 14, 20.