Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1889)
- Date
- 1889-10-01
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 220 — Freundschaft empfangen, das, meinte er, beglückt und veredelt den Menschen, das macht den Menschen auf Erden heimisch und ist der wahre Weg des Segens und der Tugend. R. Jose der Priester, dem Deinut, Frömmigkeit und Sittenstrenge mehr als alle Kenntnis und Wissenschaft galten, so daß er den geistigen Kämpfen seiner Zeit fern blieb und nur Werken der friedlichen Wohlthätigkeit und Menschenliebe sich widmete, betrachtete die Verträglichkeit, die jeden Anlaß zu Zwist meidet und über Unrecht und Gewalt, über Spott und Anfechtung sich hinaussetzt, als jenes Seelengut, das den Schatz des Lebensglückes in sich trägt. Man solle, glaubt er, den Funken des Streites, der einmal erglimmt ist, eher in sich verlöschen lassen, als daß man ihn durch den Sturm der Leidenschaft zur wilden Flamme anfacht. Nichts von all dem, was meine Genossen da vorgebracht haben, meinte R. Simon b. Natanael, der vierte unter R. Jochauans Jüngern, bietet eine feste und vollkommene Grundlage für den Aufbau des menschlichen Lebensheiles. Der Mensch gehört nicht blos der nahen Gegenwart, er gehört noch mehr der Zukunft an, der Mensch erfüllt seine Pflicht, erreicht seinen Zweck, folgt seiner Bestimmung nicht daniit, daß er dem Rate und Gebote des Augenblicks dient, daß er von dem äußeren Scheine, der sich vor ihm ausbreitet, sich in seinen Bestrebungen und Handlungen bestimmen läßt, denn was unser Heil schafft, was das Wohl der Menschheit fördert, was in Wahrheit ein Werk des Segens und der Beglückung ist, das zeigt uns erst ein betrachtender Ausblick in die Zukunft. Nur dann, lehrte Simon b. Natanael, der selbst „als ein Mann der Süudenscheu" jede seiner Thaten wohl erwog, ob sie nicht am Ende sich als verderblich erweisen könnte,, nur dann kann die Tugend, die wir suchen, eine lautere, standhafte und segensvolle sein, wenn sie von Klugheit und Umsicht geleitet wird, wenn zu ihr jene Weisheit sich gesellt, die den Geistesblick schärft und erleuchtet, nur dann ist der Weg, den wir wählen, der rechte, wenn wir ein ernstes Streben im Herzen und ein klares Ziel vor Augen haben, dem wir da entgegenschreiten. Fast wär« es überflüssig erschienen, nachdem vier auserwählte Jünger so lehrreiche und sinnvolle Grundsätze der Lebensweisheit vorgetragen hatten, noch die Ansicht des fünften, des jüngsten im Kreise, anzuhören, aber es galt ja hier die Beantwortung einer Frage, die für die ganze Menschheit von Bedeutung ist und zumal für das Israel jener Zeit, das aller äußeren Macht beraubt, nur durch seine innere Gesinnung sich erhalten konnte, von vielfacher Entscheidung war, die Feststellung einer Lehre, über die ohnehin die Ansichten verschieden waren, und so sollte auch Elasar b. Arach seine Meinung kundgeben. Wißt ihr, sprach er, was ich für den sichersten und richtigsten Wegweiser auf der Bahn des Lebens halte? Das gute Herz, das edle Gemüt, den sittlichen Zartsinn, den offenen Sinn für das Gute und Wahre, die Empfänglichkeit für alles Gute, die Willigkeit zu liebevollem Wirken, das Streben, von allem sündhaftem Thun und Begehren sich „fern zu halten und Alles, was unserem besseren Bewußtsein und unserer höheren Überzeugung widerstrebt, aus dem Kreise unseres Wolleus und Wirkens auszuschließen. Elasar b. Arach, versetzte hierauf der Lehrer, hat nicht nur das letzte, sondern auch das beste Wort unter euch gesprochen. Allerdings sind auch euere Ansichten richtig und beachtenswert, aber sie sind doch verschieden. Euere Antworten erschöpfen meine Frage nicht und enthalten darum nur einen Teil ihrer Lösung, was aber euer jüngster Genosse vorgebracht, das schließet alle eure Lehren in sich. Er hat das Wort gefunden, das den Schlüssel aller Lebensweisheit, aller Menschentugend, alles Seelenfriedens in sich trägt. Ihr habt aus den Tiefen der Forschung nur einzelne Edelsteine hervorgeholt, er hat die Krone gefunden, die sie alle als Schmuck an