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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-10-01 · Heft 10 (1.10.1889) · p. Seite 219

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 10 (1.10.1889)
Date
1889-10-01
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
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219 Gedanken und heiligen Empfindungen, die am Versöhnungstage uns beseelen, soll für die Dauer der gute Wille Zurückbleiben, der die Sünde flieht, das gute Herz, das der Quell aller Tugend und Weisheit, aller echten Menschenliebe und Lebenswonne ist. _ Zu seinen fünf weisesten und gelehrtesten Jüngern, die unter allen ihren Genossen weit hervorragten und von denen es sich voraussehen ließ, daß sie einst die Führer und Lehrer des kommenden Geschlechtes sein und mit ihrer Anschauung und Lebensrichtung den anderen zum Beispiel und Vorbild dienen werden, sprach einst ihr Lehrer, der selbst ein tiefdenkender und großer Weltweiser war, der berühmte R. Jochanan b. Sakkai: Gehet in die Welt hinaus und sehet euch um, betrachtet die mannigfachen Lebenswege, auf denen die Menschen dahinwandeln und saget mir dann, welches denn der wahrhaft gute Weg sei, den der Mensch für die Dauer erwählen, auf dem er immer beharren und fortschreiten soll, damit er das Heil seines Daseins finde, das Ziel seiner Bestimmung erreiche und sein Leben ihm zur Freude, seinen Mitmenschen zum Segen, seinem Schöpfer zur Ehre gereiche. Das war eine Probe nicht blos der Weisheit, sondern auch der Gesinnung seiner Schüler, es sollten die Männer, die einst im Leben zu wirken berufen waren, auch über ihre Richtung und Anschauung sich klar werden, und wenn sie zur Selbständigkeit heranreifen, auch eine fertige Frucht ihres Denkens, einen festen Kern ihres Strebens auf das Gebiet ihrer Thätigkeit verpflanzen können. So leicht diese Frage gestellt war, so schwer mußte es sein, ihr eine richtige und vollendete Lösung, zu geben, sie so zu beantworten, daß dann kein Zweifel mehr zurückbleibe. So forschten denn die Jünger eifrig nach, jeder nahm seine Kenntnisse zu Hilfe, jeder zog seine Erfahrung zu Rate, jeder stellte seine Betrachtungen an und suchte unter den verschiedenen Tugenden eine heraus, auf die sich alle anderen zurückführen lassen, S' ichsam eine Formel der Lebensweisheit, die auf alle Fälle und Verhältnisse anwenden ließe. R. Elieser b. Hyrkanos, der älteste unter den Schülern, der wie in seinem Alter auch in seiner Jugend vielfache unverdiente Zurücksetzung erfahren hatte, dabei aber doch immer seine Würde und Selbständigkeit bewahrte, der mit seiner nur der Überlieferung sich anschließenden Lehrrichtung fast vereinzelt dastand und darum manchen feindseligen Widerspruch zu erfahren hatte, betrachtete die Neidlosigkeit, die Selbstgenügsamkeit als den Stamm aller Tugend, als den Quell aller Lebensfreude, indem der Mensch in sich selbst einen so reichen Schatz beseligender Geistesgaben trage, daß er nicht nach dem Gute und Glücke seiner Mitmenschen zu verlangen brauche. Und R. Elieser konnte das wahrlich von sich sagen, indem er mit einem so treuen und umfassenden Gedächtnisse begabt war, daß seine Zeitgenossen ihn bewunderten, ihn ein lebendiges Lehrbuch, eine wohlverkalkte Cisterne, die keinen Tropfen verliert, nannten, und an Reichtum von Kenntnissen sie alle überstrahlte. R. Josua b. Chananja, der mit seiner sanften nachgiebigen Gemütsart einen Gegensatz zu der Strenge Eliesers bildete, auf die Aufhebung aller unerträglichen gesetzlichen Erschwerungen drang und in der Friedfertigkeit, in der Menschenliebe, in der gegenseitigen Befreundung und Annäherung den alleinigen Boden für die gedeihliche Entwickelung alles „Segens betrachtete, lehrte, daß der Mensch nicht die Selbstgenügsamkeit bis aufs Äußerste treiben, bis zur Abgeschlossenheit und Zurückgezogenheit steigern dürfe, daß er vielmehr aus deyr engen Kreise seines Selbst heraustreten müsse, um sich seinen Mitmenschen freundlich anzunähern, innig anzuschließen. Freundschaft gewähren, 19*

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