Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1889)
- Date
- 1889-10-01
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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221 sich trägt, ihr habt auf den Gefilden der Betrachtung nur einzelne Blumen gepflückt, er hat den Kranz gewundeu, in dem sie alle verflochten sind. Das gute Herz ist der Quell, aus dem alle Freuden und Segnungen des Lebens erfließen, ist der Boden, auf dem alle echte und wahrhafte Tugend erblüht; das gute Herz ist ein Heiligtum der Liebe, darin der giftige Neid und der finstere Hochmut und der grimmige Haß und die blinde Thorheit keinen Platz finden, darin ruht der Schatz der Weisheit und der Lebensfreude. Auch an uns ergeht in der heiligen Festzeit der Mahnruf unseres Gottes, daß wir den Geist des Friedens und der Versöhnung, so wie er in unsere Mitte tritt, uns auch stets erhalten, den Weg suchen, der uns zu dauerndem Lebensheile führt. „Also spricht der Herr, bleibet stehen auf den Wegen, schauet euch um, fraget nach den Pfaden der Ewigkeit, nach dem Wege des Guten, daß ihr auf ihnen wandelt und da den Frieden des Lebens findet!" Worin anders werden wir diesen Weg erkennen als in der Güte des Herzens, in der Reinheit des Strebens, in dem Adel des Willens, in der Lauterkeit der Gesinnung, in jenem sittlichen Zartsinn, der alles Schlechte und Falsche verachtet und jene wahre Ehre in unser Herz legt, die kein anderer uns geben, kein anderer uns nehmen kann? Das Gute wollen, an dem Guten Gefallen haben, von dem Guten sich leiten lassen, das ist der rechte Weg des Lebens, der führt uns immer höher zu jenem erhabenen Gipfel der Weisheit und der Vollendung, von dem aus unser Dasein im Lichte ewiger Bedeutung, im Blütenglanze des reichsten Segens uns erscheint. Das gute Herz gibt uns eine Macht, welche im Kampfe des Lebens zum Siege führt, in den Stunden der Bedrängnis uns aufrecht erhält, jede Furcht und Verzagtheit von uns abwehrt, mitten in den Trübnissen des Erdendaseins uns ein Paradies der Wonne und Seligkeit gründet. »Zerreißet euere Herzen und nicht euere Kleider, wenn ihr zurückkehret zu dem ewigen euerem Gotte", ruft daher der prophetische Mahnredner am Tage der Buße uns zu, ändert euere Gesinnungen, nicht blos euere äußeren Thaten. Was habt ihr für euch damit erreicht, vor Gott damit bewirkt, so ihr da nur von eurem irdischen Treiben euch zurückzieht, nur in Gebet und Kasteiung den Tag der Versöhnung begeht, ohne dabei an eine innere Erhebung und Läuterung zu denken, ohne das Gewebe der Sünde zu zerreißen, darin euere Seele verschlungen ist, ohne das Herz, darin nur die irdischen Begierden wohnen, zu weihen und in ihm die Quellen guten Wollens und edlen Strebens zu öffnen? Ihr fühlt das Verlangen nach dem Hohen, die Sehnsucht nach den Erquickungen der Religion, das Bedürfnis nach Versöhnung des Mensck>en mit seinem Gotte. Bedarf es eines deutlicheren Beweises für das Dasein Gottes, für die erhabene Bestimmung des Menschen, als jenes Streben ihn bietet, das in uns allen lebt und das nur die Wenigen nicht teilen, die thöricht genug sind, diesen Quell heiligen Sehnens init Erde zu verstopfen und den Adel der Seele in den Staub zu treten? Hätten wir etwa Hunger, wenn wir nicht Speise nötig hätten, ihn zu befriedigen, Durst, wenn wir nicht des Trankes bedürften, ihn zu stillen und wir sollten ein geistiges Verlangen, einen Hunger der Seele, ein Bedürfnis der Erhebung zu Gott, der Veredlung durch die Religion in uns tragen und sie sollte nur Wahn, Täuschung, Erfindung sein? O wälzen wir den Stein der Thorheit weg, der auf dem Quell unseres Genlütes lastet, daß sich der erfrischende Strom edler und frommer Empfindung frei über die Gefilde des Lebens ergießen könne! geben wir den Schatz heiliger Gesinnung, den wir seit Jahrhunderten als unser kostbarstes