Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1889)
- Date
- 1889-10-01
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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218 und Unendlichen uns emporgetragen fühlen und alle Bande lösen möchten, die uns an das Irdische ketten, um im lichten, freien Geistesschwunge zu Gott uns zu erheben, an seine Gnade unsere Hoffnung zu knüpfen, in seiner Wahrheit den Frieden zu finden und den Schmerz der Vergänglichkeit in den Entzückungen der Ewigkeit zu vergessen. — Eine solch' große und lichtvolle Zeit, in der unser Geistesauge durch das Dunkel des Erdendaseins zum Anblick der göttlichen Herrlichkeit sich emporringen will, in der das Verlangen nach Erhebung und Vollendung unseres edleren Menschenwesens mehr denn je in uns laut wird, ist es, an deren Schwelle wir stehen; der heilige beseligende Tag des Herrn, der uns alle mit einer ernsten und zugleich wonnevollen, gottesfreudigen Stimmung erfüllt, soll sie uns bringen. Von den Sternen des Himmels, von den Höhen des Lichtes steigt er zu uns hernieder, um in des Abends dunkler Stille, wenn die weite Erdenwelt um uns her schweigt und ruht uud die Seele, die Last irdischer Thätigkeit von sich werfend, dem sanften Hauche des Friedens sich öffnet, bei uns einzukehren und heimisch zu werden, uns die Macht und Liebe des Herrn zu künden, uns Gaben Gottes zu bringen und Wege der Ewigkeit zu zeigen! O wie begrüßen wir so innig seine Ankunft, wie feiern wir so andachtsvoll die erste Stunde seines Kommens! Wie wir, wenn ein treuer Freund, von dem wir lange getrennt gewesen, wenn ein hoher Gast, bem wir unsere volle Verehrung darbringen möchten, bei uns einkehrt, die Sorge um uns selbst ruhen und zurücktreten lassen und all unser Sinnen und Streben, all unser Denken und Thun daran setzen, ihm den Aufenthalt bei uns erfreulich zu machen und es ihm an nichts fehlen zu lassen, was wir ihm nur zu bieten vermögen, so sind alle unsere Gedanken und Gefühle, alle unsere Empfindungen und Erinnerungen dem heiligen Versöhnungstage geweiht, der als ein solch hoher Gast, als ein solch treuer Freund zu uns kömmt, als ein Richter der Wahrheit und als ein Engel des Friedens, als ein Bote des Heiles und als ein Spender des Lichtes, als ein Erlöser Gottes in unsere Mitte tritt und uns alle zusammenführt, die Getrennten eint, die Entzweiten versöhnt, die Entfernten annähert, die Entfremdeten befreundet, Eltern und Kinder, Brüder und Schwestern, Gatten und Gattinen herbeiruft, daß sie den Bund der Herzen wieder erneuern und befestigen und mit dem Lichte liebevoller Vergebung alle Trübnisse des Zwistes und Vorwurfs verscheuchen, die aus der Vergangenheit in die Zukunft hinüberziehen möchten. Ja wir kommen ihm entgegen, dem großen Tage, der uns irrende Menschenkinder in dem Hause unseres himmlischen Vaters sammelt, in erhabener Festesstimmung, in heiligein Seelenschinucke. Durch den stillen Abend schallt zu seinem Preise das Lied, die Nacht wird hell vom Sternenglanz erleuchteter Geister und nicht nach Speise und Trailk verlangen wir, sondern nach der Nahrung des Gebetes und nach den Labungen der Religion. Werden wir stets in solcher Stimmung verharren? werden immer solche Empfindungen unser Herz erfüllen? werden wir allezeit dem Gedanken an Gott nachgehen und dabei unserer selbst vergessen? Das ist allerdings nicht möglich, nicht nötig, ebensowenig durch die Religion als durch die Vernunft geboten, ebensowenig von wohlthuender Wirkung, als wenn ein Acker stets beregnet würde. Aber sie sollen auch nicht bloß durch unseren Geist dahinziehen, ohne ihre Spuren in ihm znrückzulassen, es soll vielmehr ihre Flut unsere Herzen reinigen, daß nicht die Sünde mehr an ihnen hafte, die Gefilde unserer Seelen tränken, daß die Saat edlen Strebens da stets wurzle und gedeihe. „Erschaffe mir o Gott ein reines Herz, gib mir einen standhaften tugendstarken Sinn", sollen wir mit dem königlichen Dichter beten und von den hohen