Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1889)
- Date
- 1889-09-01
- Page
- Seite 215 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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215 Jndaica 1888). Eigentliche urwüchsige Volkpoesie wird uns i» dieser Sammlung nicht dargeboten, da die galizisch-rnssische Jndenheit eine solche nicht besitzt. Dichtungen neuerer Schriftsteller von geringen, poetischen Gehalte, in denen ein tieferes Gefühlsleben nicht zum Ausdrucke kommt, werden dadurch, daß sie in einzelnen Kreisen Eingang finden, noch nicht zu Volksliedern. Oder sollte wirklich z. B. „Das Kischenewer Lied" von Josef Rabinvwitsch, das der bekannte jüdische Missionar des Christcntunis für den Kreis seiner Gemeinde verfaßt hat, ein „Volkslied" genannt werden dürfen? Gewiß ebensowenig als „Das Jüdel" S. l, in welchem das schöne Gedicht Kampfs „Der Jude" jüdisch-deutsch verballhornt wird. Es ist indes immerhin dankenswert, daß dem größeren Publiknin auch ein Einblick in diese Kreise der polnisch-jüdischen Liiteratur eröffnet wird, zumal der Herausgeber redlich das Seine dazu getha» hat. die vielen fremdartigen Ausdrücke des tunten Kauderwätsch, in welchem diese Dichtungen abgefaßt sind, verständlich zu machen. — Gesammelte Schriften von Leopold Löw, herausgegeben von Immanuel Löw, I. Baud" (Szegedin, Alexander Baba 1889). Zu den Geistesheroe» unseres Jahrhunderts, die auf dem Felde der jüdischen Wissenschaft neue Bahnen geöffnet haben, gehörte auch Leopold Löw. Er verstand es wie Wenige, die talmudische Halachah bis in ihre ersten Ursprünge und letzten Phasen mit kritischem Blicke zu beleuchten und sie mit allen den mannigfachen Verzweigungen, zu denen sie in, Laufe der verschiedenen Zeitalter gelangte, für die Altertumskunde zu verwerten. Die jüdische Cultur- und Religionsgeschichte wird durch seine tiefeingehende» Untersuchungen, in denen er eine immense Belesenheit und eine von feinem Geschmacke getragene Beobachtungsgabe entfaltet, vielfach aufgehellt und dabei zumeist der Zusammenhang der Vergangenheit mit der Gegenwart, die Anwendung der Forschungsresultate auf die Verhältnisse der Neuzeit' als leitender Gesichtspunkt festgehalten. Löw's wissenschaftliche Arbeiten, mögen sie nun historischen, archäologischen oder casuistischen Inhalts sein, erhalten dadurch, daß sie reiche Belehrung und zugleich praktische Anregung darbieten, einen eigenartigen Reiz, der durch die fließende und lebendige Darstellung, die zuweilen auch eines gemütvollen Humors nicht entbehrt, noch erhöht wird. Es ist erfreulich, daß die vielen Abhandlungen und Aufsätze Löw's, die früher zumeist in der von ihm herausgegebenen, jetzt völlig vergriffenen Zeitschrift für jüdische Theologie (Htm Chananja) erschienen sind, nun jetzt durch seinen gelehrten Sohn und Nachfolger, Df. Jmnlannel Löw, in einem umfassenden Sammelwerke veröffentlicht werden. Der eben in vorzüglicher Ausstattung erschienene eiste Band enthält viele wertvolle doginengeschichtliche Arbeiten und historische Untersuchungen, denen auch der Herausgeber manche beachtenswerte Nachweise hinzugefügt hat. Hoffentlich wird das gehaltvolle lehrreiche Werk die in vieler Hinsicht wünschenswerte Verbreitung finden. — „Das Hohelied in seiner Einheit und dramatischen Gliederung mit Uebersetzung und Beilagen von Ur. Johann Gustav Stickel" (Berlin, Reuther 1888). Die Auslegung des hohen Liedes hat den Exegeten bereits viel zu schaffen gemacht. Es ivill bei allem Scharssinn nicht gelingen, den inneren Bau und Zusammenhang dieses dramatisch angelegten Idylls zu erkennen und der Leser, der ihn zu ergründen sucht, fühlt sich fast selbst in das neckische Versteckspiel hineingezogen, das der Dichter uns in demselben vorführt Man hat es in neuerer Zeit mehrfach versucht, durch kritische Operationen, die unter der Voraussetzung, daß in dem Texte verschiedene Stellen versetzt erscheinen und der Wortlaut durch Schreibfehler und Ueberarbeitungen Schaden gelitten hat, für notwendig befunden