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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-09-01 · Heft 9 (1.9.1889) · p. Seite 204

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 9 (1.9.1889)
Date
1889-09-01
Page
Seite 204 (sequence 12)
Language
German
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204 An ihm hat Spinoza seinen Geist geschärft, aus ihm hat Moses Mendelssohn seine erste religionsphilosophische Anleitung entnommen, er ist heute noch der Quell, aus dem unsere Religionslehrer schöpfen, soweit sie das Judentum freisinnig auffassen. Das reiche Gebiet des jüdischen Schriftschatzes hat durch ihn eine neue Grundlage gewonnen — und was seitdem aus ihm hervorging, das darzustellen, reichen meine Kräfte, reicht die Zeit nicht aus. Genug, wenn es gelungen, auf ein Gebiet hinzuweisen, das für jeden Gebildeten, zunächst aber für den Juden, von tiefster Bedeutung ist, denn schon in den Sprüchen der Väter steht: Io amhaarez chossid, der Unwissende kann nicht fromm sein. Wer seine Religion lieb hat, muß in ihren Schriftschatz eindringen. Die Litteraturgeschichte der Juden ist ihr höchster Ruhm, ihr herrlichstes Kleinod. (Fortsetzung folgt.) HrundfäHe der jüdischen Sittenkeßre. 1. Das Judentum lehrt die Einheit des Menschengeschlechts. Wir haben alle einen Vater, ein Gott hat uns alle erschaffen. 2. Das Judentum gebietet: „Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst" und erklärt dieses alle Menschen umfassende Gebot der Liebe als Hauptgrundsatz der jüdischen Religion. Es verbietet daher: gegenüber Jedermann, gleichviel welcher Abstammung er sei, welcher Nation er «»gehöre und zu welcher Religion er sich bekenne, jede Art von Gehässigkeit, Neid, Mißgunst und liebloses Verhalten; es fordert Recht und Redlichkeit und verbietet Ungerechtigkeit insbesondere jede Unredlichkeit in Handel und Wandel, jede Uebervorteilung, jede Benutzung (Ausbeutung) der Not, des Leichtsinns oder der Unerfahrenheit eines Andern sowie jeden Wucher und jede wucherische Ausnutzung der Kräfte Anderer. 3. Das Judentum gebietet: das Leben, die Gesundheit, die Kräfte und den Besitz des Nächsten zu achten. Es verbietet daher: durch Gewalt oder List oder in sonstiger widerrechtlicher Weise den Nebenmenschen zu schädigen, ihn um sein Hab und Gut zu bringen oder ihn gegen rechtswidrige Angriffe hilflos zu lassen. 4. Das Judentum gebietet: des Nächsten Ehre heilig zu halten, wie die eigene Ehre. Es verbietet daher: jede Herabsetzung des Nächsten durch üble Nachrede, jede Kränkung desselben durch Spott und Beschämung. 5. Das Judentum gebietet die religiösen Ueberzeugungen Anderer zu achten. Es verbietet daher: jede Verunglimpfung oder Nichtachtung religiöser Gebräuche und Abzeichen Andersgläubiger. 6. Das Judentum gebietet: Barmherzigkeit gegen Jedermann zu üben, die Nackten zu kleiden, die Hungrigen zu speisen, die Kranken zu pflegen, die Trauernden zu trösten. Es verbietet daher: die Fürsorge auf das eigene Wohl und das Wohl der Angehörigen zu beschränken und bei fremdem Leid teilnahmlos zu bleiben.

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