Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-09-01 · Heft 9 (1.9.1889) · p. Seite 203

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 9 (1.9.1889)
Date
1889-09-01
Page
Seite 203 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2969669-2969768-2969778--2681-2972873
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Und das ist zugleich das endgültige Urteil der Nachwelt. Die Schriften des Maimonides stehen noch heute in Ehren, seine Gedanken sind dauernd nachwirksam und klärend. An ihnen hat sich sein so bescheidenes und zugleich so stolzes Wort bewährt: „Befriedigt und fördert meine Ansicht auch nur Einen von Zehntausenden, während sie der Masse unangenehm ist, so muß ich sie doch offen aussprechen, Um den Vernünftigen zu erleuchten, mag mich auch die unwissende Menge tadeln." Und so traf ihn viele Anfeindung, schließlich aber die Anerkennung, daß seine Schriften die Grundlage der neueren jüdischen Religionswissenschaft wurden. — Von Spanien verbreitete sich dieselbe zunächst nach Frankreich, dann nach Deutschland. In Paris lebte und lehrte von 1166 bis 1224 Jehuda Sir Leon. Er schrieb ein Sefer hakabod, ein Buch der Ehre. Drin stehen folgende goldene Wahrheiten: „Fragt Dich ein des Hebräischen Unkundiger oder eine Frau, wie sie beten sollen, so antworte ihnen: in der Sprache, die sie verstehn. Denn das Gebet hat nur Wert, wenn es das Gemüt erfaßt, es ist nutzlos, wenn das Herz nicht fühlt, was der Mund spricht." Wohlgemerkt: das hat kein Reformer von heute, sondern ein Rabbiner vor 700 Jahren geschrieben! Er schrieb aber auch — und das mögen sich unsere Antisemiten merken: „Wie gegen den Glaubensgenossen, mußt Du auch gegen den Christen redlich handeln; hat er sich geirrt, mußt Du ihn darauf aufmerksam machen, sonst wird Gottes heil'ger Name durch Dich entehrt." „Der Fromme soll weder gegen Juden, noch gegen Christen sich eines lügenhaften Vorwandes bedienen, er soll nich einmal einem unsicheren Borger sagen: er habe kein Geld." Ferner sind uns von Jehuda Sir Leon folgende Aus- und Denksprüche erhalten: Da Gott Bedrängten Helfer ist, Er sei ein Jude, sei ein Christ: So darfst Du Keinen überlisten Weder den Juden noch den Christen. Wucherer, die Münzen beschneiden, Die fälschen Maß, Gewicht oder Maaren: Verlust des Vermögens erleiden, Des Bettelstabs Strafe erfahren, Und ihre Kinder, fern eines dem andern, Müssen in fremde Länder wandern. Das ist eine weitere Ausführung der schönen, ebenso trostals lehrreichen Schlußstelle unseres alten Tischgebets: Naar hojissi: War jung, bin ins Alter gekommen, Doch Hab' nie wahr ich genommen, Daß ein ehrlicher Mensch sich, verlassen, gequält Und daß seinen Kindern an Brot es gefehlt. Der Kampf für und wider Maimonides ward in wissenschaftlichen Werken in Frankreich wie in Deutschland ansgefochten. Maimonides blieb Sieger.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.