Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1889)
- Date
- 1889-09-01
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Mittelalters diente es zur Belehrung. Aus weitester Ferne, so aus Südfrankreich, ward Maimonides schon bei seinen Lebzeiten hochgepriesen, aber auch angegriffen, um Rat und Entscheidung ersucht. Ein gelehrter Glaubensgenosse in der Provence wollte dies arabisch geschriebene Werk ins Hebräische übersetzen und Maimonides deßhalb aufsuchen. Dieser widerriet ihm brieflich die weite, gefahrvolle Seereise von Frankreich nach Egypten, da er ihn doch kaum eine Stunde werde sprechen können. Denn er habe angestrengten Dienst. Maimonides schildert den sehr anschaulich: „Er müsse den entkernt wohnenden Sultan, dessen Harem und Kinder täglich besuchen, komme er dann Nachmittags zurück und betrete hungernd sein Haus, finde er das Vorzimmer voll von Patienten, Juden und Mohamedaner, Hoch und Nieder, Freund und Feind buntgemischt, kaum habe er Zeit, vom Pferde zu steigen, sich zu waschen und etwas zu essen. So gehe es bis in die Nacht. Nur am Sonnabend habe er Zeit, sich mit der Gemeinde und der Lehre zu beschäftigen und einen Vortrag zu halten." Fürwahr, ein herrlicher Einblick in das Leben eines vielbeschäftigten, reichbegabten, weithin wirkenden Geistes! Kein Wunder, daß bei seinem Ableben in Fostat Juden und Mohamedaner drei Tage trauerten, die Gemeinde in Jerusalem ein Fasten veranstaltete. „Von Moses bis Moses war Keiner ihm gleich" hieß es damals; später, zu Moses Mendelssohn's Zeit ward daraus „Von Moses bis Moses war keiner wie Moses". Wir haben, wenn auch nicht in dem Bereiche der Wissenschaft, so doch in dem der Gemeinnützigkeit, der Menschenliebe, einen vierten ebenbürtigen Moses erlebt: Moses Montefiore. Auf das Grab des Maimonides setzte man die Inschrift: Hier liegt ein Mensch, und doch kein Mensch; Warst Du ein Mensch, so liehen Himmelswesen Dir Ursprung. Später—ein Zeichen der Zeit — ersetzte man die Inschrift gehässig mit der: Hier liegt Mose Maimon, der gebannte Ketzer. Lange nach seinem Tode, als der Gehalt seiner Schriften inimer tiefer erfaßt, immer mehr erkannt, aber auch inimer heftiger angegriffen wurde, legten folgende Epigramme Zeugnis für seine Bedeutung ab: Ein Gegner sang: Schweig, verstumme Blindenführer, unerhört sind Deine Lehren; Sündhaft ist's, die Schrift in Dichtung, Sehergab' in Traum zu kehren. Ein Freund erwiderte: Schweig' und schließe Dir selber den Mund, der Thorheit Pforte, Unzugänglich sind Deinem Gehirn der Wahrheit, der Dichtung Worte. Und wieder ein Gegner: Amrams Sohn, nicht übel deut' es, daß wie Du der Lügner heißt. Ist's doch bräuchlich, Geist zu nennen heil'gen und der Lüge Geist. Die orthodoxen Eifrer setzten es durch, daß die Schriften des Maimonides in Montpellier, in Paris verbrannt wurden. Und da erklang es: Sie haben die köstlichen Bücher verbrannt, Doch haben den Geist sie damit nicht verbrannt. Ein reinigend Feuer sind ihre Lehren, Wie könnte die Flamme das Feuer verzehren!