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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-09-01 · Heft 9 (1.9.1889) · p. Seite 201

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 9 (1.9.1889)
Date
1889-09-01
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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201 Er erlangte eine bedeutende ärztliche Praxis, namentlich als wissenschaftlicher Arzt. Er wandte kein Mittel an, dessen Wirksamkeit nicht durch Autoritäten seines Faches belegt war; Richard Löwenherz, der König von England, suchte ihn vergeblich als seinen Leibarzt an sich zu fesseln. Er lebte unter dem edlen Saladin (den Lcssings Nathan verherrlicht), stand ihm nahe und mochte die Veranlassung sein, daß dieser den Juden gestattete, in Jerusalem, das er den Kreuzfahrern nach fast hundertjährigem Besitz entrissen, und das ihnen seitdem verschlossen war, wieder einzuziehen. Das dritte und bedeutendste Werk des Maimonides ist sein Moreh Nebuchim» Führer der Irrenden, für das Judentum wie für die Philosophie des Mittelalters ein grundlegendes Buch. Es ist für denkende Juden geschrieben, und sucht das Judentum philosophisch zu begründen. Gott ist ihm nicht blos Ordner, auch Schöpfer des Weltalls; dies ist gut, der Mensch erreicht durch Edelsinn und Denkarbeit Gottes Fürsorge und Unsterblichkeit, durch idealen Aufschwung die Prophetengabe, die ihm als somnambuler Traum zu stand erschien. Die 613 Ge- und Verbote des Judentums haben sämmtlich sittlichen, erzieherischen Wert, die Opfer sind nur als Zugeständnisse an die damaligen Sitten eingeftthrt worden, die Speisegesetze haben gesundheitspolizeiliche Zwecke. Das Verhältnis der Menschen zum Idealen, zum höchsten Gut, also seine Welt- und Gottesanschauung schildert Maimonides am Schluß seines Moreh in folgendem hübschen Bilde: Ein König thront im Schloß seiner Hauptstadt, seinen Unterthanen schwer zugänglich. Am fernsten ist ihm die ländliche Bevölkerung, aber auch in der Hauptstadt wendet ein Teil der Bewohner auf seinen Wegen dem Schloß den Rücken zu. Andre möchten hinein, sind aber noch so fern, daß sie die Mauern rings um das Schloß nicht erblicken; wieder andere, näher gekommen, suchen nach der Eingangspforte. Einige haben sie erreicht, und stehen im Vorhof. Andre sind ins Haus getreten, haben aber verschiedene Säle zu durchschreiten, bis sie vor den König treten und ihn sehen bez. hören können. Den auswärtigen Unterthanen gleichen die heidnischen Fürsten und Neger, sowie diejenigen, die in den Kulturstaaten ihnen ähneln. Sie stehen noch zwischen Menschen und Affen. Den Stadtbewohnern, die dem Schloß den Rücken kehren, gleichen die Jrrlehrer und ihr Anhang. Denen, die wohl in das Schloß möchten, es aber nicht einmal sehen, gleichen die Unwissenden, die nur religiöse Zeremonien üben. Denen, die bis ans Schloß kamen, aber die Eingangspforte nicht finden, gleichen die Traditionsgläubigen, die ohne selbst zu denken, nur die religiösen Vorschriften, wie sie überliefert sind, in den Kreis ihrer Erörterung ziehen. Im Vorhofe des Schlosses stehen die, welche über die Grundwahrheiten der Religion Nachdenken, und die sich mit der Naturwissenschaft beschäftigen. Im Innern des Schlosses stehen die Weisen, die in die Metaphysik eingedrungen sind. Diejenigen von ihnen, die ihr Denken allein auf Gott richten, und in Allem, was geschieht, ein Zeugnis fiir Gottes Walten sehen, stehen auf der Stufe der Propheten, sie sind dem König am nächsten. In ihnen ist Denkkraft und Sittlichkeit am höchsten entwickelt. In diesem Moreh Nebuchim fußte Maimonides absichtlich nur auf der Bibel, nicht auf dem Talmud. Dies Werk wurde auf Jahrhunderte hinaus maßgebend für die jüdische Wissenschaft, wie es denn in der That in vielen Punkten auch heute noch unseren geläuterten Religionsanschauungen zur Quelle ward. Aber auch den arabischen, den christlich-scholastischen Philosophen des

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