Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1889)
- Date
- 1889-09-01
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Aus dem Schriftschatz der Juden. Von Rechtsanwalt Emil Lehmann in Dresden. (Fortsetzung.) Auf seinem Sterbebette rief Jochanan seinen Schülern zu: „Sei die Gottesfurcht in Euch so stark, wie die Furcht vor Menschen," was Ihr vor deren Augen meidet, unterlaßt auch vor Gottes Angesicht. Ein Jünger dieser Schule, Jehllda Hanasi — der Fürst — stellte in der Mischna, einem religiös-juristischen Gesetzbuch —, dem auch die tiefsinnigen Sprüche der Väter einverleibt sind, die bis dahin mündlich vererbten Sätze und Entscheidungen zusammen. Im Laufe von drei Jahrhunderten erwuchs aus ihrer Revision und als ihr Commentar der palästinensische und der babylonische Talmud, abgeschlossen gegen 500 nach Christus: dieses Riesenwerk schon der Bändezahl nach, inehr dem Inhalte nach, auf welches Bosheit und Unverstand zu allen Zeiten und bis in die jüngsten Tage soviel Unglimpf gehäuft, das mit den Juden selbst das Schicksal der Verfolgung, der Verbrennung und Verkennung trug, das aber in der Tat zwölf Jahrhunderte hindurch den Juden Gymnasien und Universitäten ersetzte, ihren Geist klärte, ihren Sinn schärfte und ihr Wissen bereicherte. Wie die griechische, so hat auch die arabische Poesie und Kultur bald bei den Juden verständnisinnige Pflege gefunden. Sie vermittelten den Arabern die aristotelische Philosophie, sie brachten unter der Herrschaft der Araber in Spanien eine Blütezeit der Poesie itnb Bildung über das Land. Ich erinnere an Salomon Jbn Gabirol (1021—1070) den Dichter und Denker, den „Faust von Saragossa", der als arabischer philosophischer Schriftsteller unter dem Namen Avenceberol (Avieebrou) berühmt ist, an den Verfasser der (ursprünglich arabisch geschriebenen) Ethik „Herzenspflichten" (Chobot Halboboth) Bachja, an den Dichter Mose ben Esra und endlich an den berühmtesten von Allen: Jehuda Halevi, den castilianischeu Dichter (geb. 1080), von dem Heinrich Heine singt: Ja er ward ein großer Dichter Stern und Fackel seiner Zeit, Seines Volkes Licht und Leuchte, Eine wunderbare große Feuersäule des Gesanges Die der Schmerzenskarawane Israels vorangezogen In der Wüste des Exils. Im sechsten Jahrzehnt seines Lebens zog ihn die Sehnsucht nach Jerusalem. Aus Egypten, aus Tyrns erklingen noch Lieder von ihm. Ob er sein Ziel erreicht? Rur die Sage dichtet, daß ihn ein Sarazene auf den Tempeltrümmern Jerusalems getötet. Ruhig floß das Blut des Rabbi Ruhig seinen Sang zu Ende Sang er und sein sterbeletzter Seufzer war: Jerusalem. Jehuda Halevi ist nicht, wie Heine annimmt, der Dichter des Synagogen-Hochzeitskarmen