Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1889)
- Date
- 1889-09-01
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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195 wenn die Not groß in Israel war, und dies war gar oft der Fall, die Erwartung eines messianischen Retters und Herrschers stets neu belebt. Die Geschichte Israels weiß deshalb von vielen falschen Messiassen zu erzählen. In einem solchen Notzustande befand sich Israel auch unter der herodianischen und römischen Fremdherrschaft; man sehnte sich wieder nach einem eigenen judäischen und davidischen Königshause. Auch damals traten viele als Messias auf, die das Volk retten wollten. Die Römer beseitigten sie als Volksverführer und Aufwiegler. Sogar noch im zweiten christlichen Jahrhunderte machten Akiba und Bar Kochba einen derartigen messianischen Versuch zur Abwerfung des römischen Jochs, zur Wiedererlangung der politischen und religiösen Selbständigkeit; auch dieser mißlang, wie alle Versuche der späteren Jahrhunderte anderen Israel bedrückenden Regierungen gegenüber. In die Anfangszeit der trübenden Römerherrschaft fällt auch das Leben und die Wirksamkeit Jesu. Ihm lag eine politische Wirksamkeit durchaus ferne, er lehnte eine solche förmlich von sich ab; seine Bestrebungen waren geistige, sittliche, ideale. Dennoch beanstandeten die Römer und die römischen Kreaturen unter den Juden seine Volksversammlungen; auch er wurde als politischer Aufwiegler, wie die anderen Messiasse aufgegriffen und hingerichtet. Er wirkte indeß im Tode mehr, als im Leben; sein Geist lebte fort. Die Kirche gab ihm den Juden gegenüber den Charakter eines Messias, stellte ihn als Hohepriester und König hin, weil nur solche Gesalbte (Messias, Christas) des Herrn waren, obwohl er beides nie gewesen. Um ihn auch als davidischen Sprößling zu bezeugen, stellte man für ihn eine Stammliste auf, welche seine Abstammung aus davidischem Geschlechte von mütterlicher Seite Nachweisen sollte. Eine derartige Abstammung von väterlicher Seite durfte man nicht nachzuweisen versuchen, weil man seine väterliche Abstammung auf Gott zurückführte. Das ist ein Beweis dafür, daß diese Stammliste der spätern Zeit angehört, in welcher der Glaube an die Göttlichkeit Jesu bereits aufgestellt war. Diesen Glauben stellte man uin der Heidenchristen willen auf, welche die Vor- und Darstellung eines sicht- und greifbaren Gottes nicht entbehren konnten, denen die Anbetung eines unsichtbaren Gottes im Geiste fremd war. Mit diesem Glauben hatte man die Judenchristen von sich gestoßen, obwohl man die bezüglichen Schriftstellen und die vermeintlichen messianischen Weissagungen und Andeutung»» auf Jesu Person und Leben zu deuten sucht. Der Bruch war nun geschehen und ist nicht wieder geheilt worden. Von daher stammt die Gegnerschaft des Christen- und Judentums; die ursprünglich einheitlichen Religionen sind sich gegensätzlich geworden. Wir bemerkten schon, Jesus lagen politische und nationale Tendenzen fern, er hatte zunächst nur die ideale, geistig-sittliche Hebung Israels im Auge; auf die heidnische Außenwelt richtete er sein Augenmerk nicht, er wies sogar den heidnischen Anhang zurück Die Kirche aber, welche sich die Juden entfremdete, suchte geradezu und vor allen die Heiden zu gewinnen. Auch die Kirche zzab Jesus als Messias aus, aber die messianischen Hoffnungen hatten sich durch ihn nicht erfüllt, weder die politisch-nationalen der Juden, noch die allgemein idealen der Menschheit. Man verschob demnach auch christlicherseits gleich den Juden die Verwirklichung der messianischen Weissagungen und Hoffnungen auf die ferne und unbestimmte Zukunft, nur mit dem Unterschiede, daß man in der Kirche diese Verwirklichung an die dereinstige Wiedererscheinung der Person Jesu als Messias knüpft. R.-A.