Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1889)
- Date
- 1889-08-01
- Page
- Seite 178 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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178 nicht wegen seiner anderen Werke, wohl aber wegen seines Spinoza, seines Dichter und Kaufmann, an. Es , kann und soll nicht Zweck und Ziel dieses Vortrags sein, ^inen vollständigen Überblick über das große, viele Jahrtausende umfassende Gebiet der jiidischen Litteraturgeschichte zu bieten, noch weniger vermag ich, in Einzelheiten einzugehen. Nur anregen will ich, nur aufrufen zur sorgsameren Pflege des jüdischen Schriftschatzes, der von Freund und Feind außer Acht gelassenen jüdischen Geistesblüten. Unsere Jugend wird eingeführt in die Kulturen Roms und Griechenlands, begeistert sich für deren Geistesschätze. Diese Begeisterung ist vollberechtigt. Indes auch die jüdischen Litteraturschätze verdienten ihre Kenntnisnahme, sie würden ihnen Liebe und Verehrung für das Judentum einprägen und einen besseren sittlichen und religiösen Halt geben, als die mehr und mehr verblassenden Bräuche und Übungen. Aber unsere Jugend wird zu festlichen Anläßen reich beschenkt mit Büchern aus allen Wissensgebieten, auch wohl mit jüdischen Gebetbüchern — selten oder gar nicht mit jüdischen Geschichts- oder Litteraturwerken, denen überhaupt heutzutage die Käufer wie die Leser fehlen. Die Kenntnis der jüdischen Litteratur und der verschlungenen Pfade, die sie durchlaufen, ist aber auch notwendige Voraussetzung für die richtige Auffassung der jüdischen Gebete und Bräuche. So heißt es z. B. im täglichen Morgengebet: Gelobt seist Du Ewiger, der das Licht bildet und die Finsternis schafft. Es ist das eines der ältesten jüdischen Gebete — entstanden in der Zeit des babylonischen Exils. Es drückt den Gegensatz aus gegen den in Babylonien herrschenden Parsismus mit seiner Doppelgottheit Ormuzd, dem Gotte des Lichtes und Ahriman, dem Gotte der Finsternis. Der jüdische Monotheismus betont, daß Gott Licht un d Finsternis schafft. Das gelangt in Jesajas (45, 7) und von da im Morgengebet zum Ausdruck. In Jesajas mit dem Nachsatz: Der Frieden bereitet und das Böse schafft, iin Morgengebet mit der Verbesserung, welche noch schärfer den parsischen Teufelsspuck abweist: Der Frieden bereitet und Alles schafft. Kein litterarisches Geisteserzeugnis hat von jeher ärgere und ungerechtere Anfeindungen erlitten, als der Talmud, diese umfängliche Sammlung von religiösen, juristischen, medizinischen, mathematischen Lehrsätzen und Entscheidungen, von Aussprüchen hervorragender Religionslehrer und Richter, wie sie im Laufe von Jahrhunderten sich von Mund zu Munde fortpflanzten, — tora schebal peh — die mündliche Lehre in Fortbildung der Bibel, — als Gegensatz zur tora schebiksaf, der geschriebenen Lehre. Jahrhunderte lang galt es geradezu für verboten, etwas von diesen Sätzen niederzuschreiben. Sie pflanzten und erbten sich eben von Geschlecht zu Geschlecht in den Lehrschulen und Richtercollegien Palästinas und Babyloniens fort, und erst einer späteren Zeit war ihre Niederschrift und Sammlung Vorbehalten. Inzwischen drang mit Alexander dem Großen und seinen Nachfolgern der Geist hellenischer Bildung in Palästina ein und kamen die Juden in der mehr und mehr zur Hauptstätte griechischer Kultur emporblühenden Stadt Alexan-