Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1889)
- Date
- 1889-08-01
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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175 zur allgemeinen Bildung zu gehören scheint! Noch heute empfinde ich den Unwillen, wenn ich daran denke, wie bei der Reifeprüfung einer meiner Schulkameraden auf die Frage des prüfenden Schulrates nach den drei Erzvätern nur den Namen David anzugeben wußte, dann aber mit seinem biblischen Wissen zu Ende war. — So etwas kommt bei einem christlichen Kinde in der schlechtesten Volksschule nicht vor. — Manchem meiner Leser wird der Vorwurf nicht unbekannt geblieben sein, daß der aufgeklärt sein wollende Jude wenig vertrauenswürdig sei, denn er habe ja gar kerne Religion, — Wie wenig achtungsvoll christliche Direktoren höherer Anstalten von den Eltern jüdischer Zöglinge denken, die ohne Religionsunterricht heranwachsen, weiß ich wohl, und werden auch andere wissen. — Nein, meine lieben Briider und Schwestern, es gereicht uns eben so wenig zur Ehre, wenn wir unsere Religion und Geschichte nicht kennen, als wenn wir von unseren Eltern nichts wissen wollten. Und mit welcher Leichtfertigkeit ziehen Personen, die keinen Religionsunterricht genossen haben, über alles her, was uns heilig ist! Mit den Bedürfnissen und Empfindungen religiöser und denkender Menschen unbekannt, verletzen sie nicht nur den allergewöhnlichsten Anstand, sondern sogar das oberste Gesetz unserer hentigen Bildung: die religiöse Duldung; denn sie sind gegen Andersdenkende gerade so unduldsam, wie der ärgste Glaubenseiferer. Das bringt ihnen oft genug die verdiente Schande, aber wir müssen leider mit ihnen büßen; denn wenn es sich um einen Juden handelt, verallgemeinert man gar zu gern. Und so haben wir in den letzten 10 Jahren oft genug von „jüdischer Leichtfertigkeit" hören müssen. Ist das nicht traurig? Meinet übrigens nicht, daß solche, nur noch rein äußerlich zu uns gehörende Personen bestrebt sein werden, ihre Zugehörigkeit zu uns zu beweisen, für unser Wohl und Wehe ein fühlendes Herz zu zeigen oder gar Opfer zu bringen. Haben sie doch weder von unserem Glauben, noch von unserer Geschichte reine Kenntnis, also auch für die Beurteilung unserer Verhältnisse keinerlei Maßstab und für die zeitgemäße Gestaltung und Entwickelung derselben kein Verständnis. Für sie ist nur eine Lösung denkbar: die Taufe! Dahin kommt es, wenn der Religionsunterricht noch ferner vernachlässigt wird, und die Gebildetsten unter uns werden mit dem Beispiel vorangehen; denn sie wissen nichts oder nichts Rechtes vom Judentum. Und so ist in der That auch der Bestand des Judentums bedroht. Aber auch diejenigen, die ihm noch anhangen, sind nicht immer im stände, seine Ehre zu wahren — auch ihnen fehlt das nötige Wissen, weil sie einen unzureichenden Religionsunterricht empfangen haben. Da kommt ein „aufgeklärter" Jude und sagt': „Seht da, unsere Religion verlangt das und das — welch ein Unsinn!" — Wenn einer so spricht, dann ist es allemal Unwissenheit, denn Unsinn verlangt unsere Religion nie. Es mag einmal eine wohlgemeinte (aber auf Abwege geratene) Zuthat, ein andermal eine ursprünglich nnwesentliche Einrichtung irgend einer späteren Zeit sein, die aber doch zuni Judentum nicht gehört, ihm also auch nicht zuni Vorwurf gemacht werden kann; aber das weiß eben weder der „Aufgeklärte", noch der, an den er sich gewendet. — Wie oft habe ich von Christen wie von — Juden gehört, daß die jüdische Nächstenliebe viel zu wünschen lasse, da sie sich nur auf Glaubensgenossen zu erstrecken brauche! Schreibt doch Johannes Scherr in seiner deutschen Kultur- und Sittengeschichte (1887 S. 161), daß die Ausbeutung des Christen dem Juden für ein religiöses