Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1889)
- Date
- 1889-08-01
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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174 c) Zeitgemäßer Religionsunterricht. Ich muß nun aber auch noch derer gedenken, die dem Religionsunterrichte fern bleiben, ohne durch eine der genannten Ursachen dazu veranlaßt zu sein; die bem Judentum anhangen und ihre Kinder auch gern darin unterrichten lassen möchten, aber mit dem, was vielfach als Religionsunterricht gilt, und mit der Art, wie er erteilt wird, unzufrieden sind — eine dringende Mahnung an die Gemeinden, die Mühe und etwaigen Kosten nicht zu scheuen und einen zeitgemäßen, d. h. den Anforderungen gebildeter Israeliten entsprechenden Religionsunterricht einzurichten. Denn es ist gar keine Frage mehr, daß die Anschauungen, Lehren und Einrichtungen der langen Jahrhunderte des für uns Juden so traurigen Mittelalters aufhören müssen, göttliches Ansehen zu genießen und mosaischen Gesetzen gleich geachtet zu werden. Als Aeußerungen eines gedrückten und verachteten, dem Leben gezwungenermaßen abgewendeten Volkes werden sie dem Forscher und Fachgelehrten immer bemerkenswert bleiben, für die Religion aber, die den Menschen durch das L e b e n begleiten und das Leben erst lebenswert machen soll, für sie schaffen sie heutzutage, wo wir wieder an Staat, Wissenschaft und Kunst teilnehmen, nur Schaden; sie verhalten sich zur Religion, wie Schlacken zum reinen Golde; sie haben um das Judentum eine Schale gebildet, von der sich leider mehr und mehr die Ueberzeugung verbreitet, es lohne sich für einen vernünftigen Menschen gar nicht mehr, ihren Kern kennen zu lernen. Soll das so weiter gehen?. Sollten wir aus falscher.(ich möchte sagen: gewissenloser) Scheu den Abfall immer allgemeiner werden lassen? Es ist dringend not, daß wir an die gute alte Zeit des echten und edlen Judentums anknüpfen, wie es unsere heiligen Propheten gelehrt haben, die ja auch mitten im Leben standen. Nur so kann das Judentum neu gestaltet und neu belebt werden, nur so kann es wieder Wert für uns gewinnen, und nur so kann es seine hohe Aufgabe für uns und alle Völker erfüllen. Freilich sind die Männer, die vermöge ihres jüdischen Wissens, ihrer weltlichen Bildung und des nötigen Verständnisses für unsere heutigen Bedürfnisse im Stande wäre», einen solchen Unterricht zu erteilen, nicht gerade zahlreich; aber sie werden sich finden, wenn ihr sie suchet, und sie werden sich mit ganzem Herzen ihrer schönen Aufgabe hingeben, wenn ihr sie würdig behandelt — und auskömmlich besoldet. Dann wird der Religionsunterricht auch leisten, was er leisten kann, nämlich die notwendige Ergänzung und Berichtigung der Lebensanschauung, und dann wird die Ueberzeugung von seiner Wichtigkeit auch wieder allgemeiner werden. ä) Aufruf. Möchten die maßgebenden Personen in unseren Gemeinden sich voll bewußt werden, daß sie für den Schaden, der durch die weitere Vernachlässigung erwächst, mit verantwortlich sind. — Steht doch nichts Geringeres auf dem Spiel, als die Ehre und der Bestand des Judentunis auf der einen und das Glück des Heranwachsenden Geschlechtes auf der anderen Seite! Oder haltet ihr es nicht für eine Schande, wenn jüdische Jünglinge und Jungfrauen die höheren Schulen verlassen, vertraut mit den Sitten der Griechen und Römer, bekannt mit den Göttergestalten und Helden der alten Germanen, wohlbewandert in alter und neuer Geschichte, und ausgerüstet mit Kenntnissen aller Art — vom Judentum, von biblischer und gar jüdischer Geschichte aber nichts wissen? Wie traurig ist es doch um unser Ehrgefühl bestellt, wenn uns die Religion nicht