Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1889)
- Date
- 1889-08-01
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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173 gewendet, nur dem sogenannten Praktischen, dem Materiellen, nur demnachgehen, was zum Erwerben dient und darin die Hauptaufgabe des Menschen erblicken. Doch nein, so gedankenlos sind wohl nur wenige; viele denken von Religionsunterrichte nur aus Unwissenheit so gering; sie kennen unsere Religion nicht. Und damit kommen wir zu einer dritten Ursache der Gleichgültigkeit gegen diesen so notwendigen Teil jeder Erziehung. Da hat der eine im Hinblick auf seine bevorstehende Einsegnung (Barmizwoh) ein paar Formeln und Gebräuche gelernt — und der Israelit ist fertig! Heißt nicht Israel Gottesstreiter? Wie aber wird der so Zugestutzte für Gott, für seine Religion und seine Glaubensgenossen streiten? Wie wird er im Kampfe gegen die Verführungen des Lebens für sich selber streiten? — Nein, ihr Eltern, ihr irret, wenn ihr mit einer solchen Zustutzung eure Pflicht gethan zu haben meint; ihr täuscht euch, wenn ihr erwartet, daß euer Kind Liebe und Verehrung für eine Religion haben wird, die es gar nicht näher kennen gelernt hat, die ihm höchstens äußerlich bekannt ist. Wer so wenig vom Judentum weiß, wird seine Kinder schwerlich dereinst in den Religionsunterricht schicken. Ein anderer hat mehr gelernt; er weiß in seinem hebräischen Gebetbuche vortrefflich Bescheid, kennt jeden Fest- und Fasttag mit allem, was dazu gehört, kennt alle übrigen Gebräuche und Gepflogenheiten, er wird ein guter, „frommer" Israelit. — Nun wächst er heran, seine weltliche Bildung wird umfangreicher und tiefer, seine Beziehungen zur Umgebung werden mannigfaltiger, seine Anschauungen werden weiter und freier, das Nachdenken und Prüfen beginnt, der unvermeidliche Zweifel stellt sich auch bei ihm ein. — Nun wehe seinem „Judentum", namentlich wenn er keine Rücksichten zu nehmen hat; wehe den Sabbath- und Festtagen mit ihren vielfach so kleinlichen und übertriebenen Beschränkungen, den so vielen wichtig sein sollenden und doch so sichtbar nutzlosen Geboten und Verboten, wehe den „unerläßlichen" Gebeten mit ihrer ermüdenden aber vorschriftsmäßigen Länge, zu denen er sich nicht niehr wie ehedem gleichwie zu einem „Schulpensum" zwingen kann — er wird alles über Bord werfen, er wird das Kind mit dem Bade ausschütten und mit überlegener Verachtung auf die „Dummheiten" und „Hanswurstereien" herabsehen. Seine Kinder aber sollen mit dem Unsinn nicht mehr behelligt werden. — Wer ist hier Schuld an dem Abfall? Weder er, noch das Judentum, sondern seine Lehrer, oder — was hier dasselbe ist — seine Unwissenheit, trotz scheinbarer Kenntnisse. Wäre er im wahren Judentum unterrichtet worden, wie es unsere heiligen Propheten gelehrt haben, hätte man Nebensächliches von Wichtigem geschieden, so würde das Erlernte für ihn bei zunehmender Reife und wachsender Erkenntnis wohl ein anderes Aussehen bekonimen haben, sonst aber nur um so beherzigenswerter erschienen sein; ihm wäre klar geworden, daß das Judentum weder der Vernunft widerspricht, noch das moderne Bewußtsein knechtet; daß es uns gestattet, unsere Anschauungen, wie unser ganzes Leben heiter und frei zu gestalten; denn es ist keine Religion für Knechte, sondern für freie Männer. So haben wir bisher in der Selbstüberhebung, der Gedankenlosigkeit und der Unwissenheit die drei hauptsächlichsten Feinde des Religionsunterrichts kennen gelernt. Aber indem ich zeigte, welche Gefahren diese in sich bergen, habe ich zugleich die Beweise für die Wichtigkeit dieses Unterrichts geliefert. —