Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1889)
- Date
- 1889-08-01
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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172 oder noch richtiger: eine Selbstüberhebung. Denn du schaffst den altbewährten Glauben an Gott ab und setzest an dessen Stelle den Glauben an dich selbst. Auch bist du gar nicht der Menschenfreund, für den du dich hältst; denn du willst den Kindern ihren Vater rauben, um sie als Waisen ihr Dasein Hinschleppen zu lassen. — Mit Nichten! sagst du; ich will sie blos selbständig machen. — Ja, mein Lieber, die Selbständigkeit ist ein sehr wertvolles Gut, aber doch nur dann, wenn sie uns zugleich Glück und Zufriedenheit bringt. Aber sieh dir nur das Leben an, ob das der Fall ist? sieh dir die Tausende und Abertausende an und frage dich, ob sie nicht ohne den Glauben an den himmlischen Vater verzweifeln würden? ob die nicht ohne diesen Glauben Verbrecher würden? Und wer weiß, was aus dir selber würde, wenn die Versuchung an dich heranträte? wenn dich das Unglück heimsuchte? Also glücklich kannst du die Menschheit durch deine Tugend nicht machen. Bedenke nebenbei noch eins. Was soll gar aus dem weiblichen Geschlechte werden, das solchen philosophischen Studien im allgemeinen fern bleibt? Und doch ist eine religionslose Frau noch beklagenswerter, als ein religionsloser Mann. Nein, Freund! du mußt gestehen, daß die Menschheit durch die Philosophie allein nicht glücklich werden kann. Die Philosophie ist eine edle und nützliche Wissenschaft, die neben echter Religiosität auch sehr wohl bestehen kann, und wer sie schilt, der kennt sie nicht; aber sie kann uns doch nimmermehr die Religion ersetzen; und gar die Jugend dem Religionsunterricht entziehen, ist ein L e i ch t s inn. Ganz gedankenlos aber ist es, wenn Eltern ihre Kinder in gar keiner Religion erziehen lassen, weil sie ihnen angeblich „die Sache erleichtern" wollen. Die einen nämlich wollen ihren Kindern die Freiheit lassen, sich demjenigen Bekenntnis anzuschließen, welches ihnen am besten gefallen werde; die anderen wollen sie überhaupt religionslos erziehen. — Jene sollten bedenken, daß 1) eine solche Wahl doch nur möglich wird, wenn die Kinder außer der jüdischen auch noch wenigstens die christliche (protestantische und katholische) Religionslehre kennen lernen, und 2) wenn es angängig und möglich wäre, schon die Jugend in den genannten Bekenntnissen zu unterrichten, die Sache noch immer nicht „erleichtert" würde; denn — wer die Wahl hat, hat die Qual; das gilt auch hier. Welche Kämpfe verursacht oft schon eine Religion gerade den Edelsten und Besten! — Diejenigen aber, die ihre Kinder ganz ohne Religion heranwachsen lassen, angeblich um ihnen den „Unsinn und den Aberglauben" vom Halse zu halten und sie zu vorurteilslosen Personen zu erziehen, kennen weder die religiösen Bedürfnisse der Menschen, noch das Wesen der Religion und ihre Wirkung; sie stoßen ihre Kinder in die Wildnis hinaus, wo sie Gefahren aller Art entgegengehen; denn das Beispiel der Eltern, oder gar ihr Wunsch genügt nicht. Wer das leugnet, hat nie Kinder erzogen. Eine dritte Art bilden diejenigen Eltern, welche ihren Kindern den Religionsunterricht vorenthalten, um sie nicht zu überlasten. — Du lachst, lieber Leser? Ihre Gedankenlosigkeit wäre allerdings lächerlich, wenn sie nicht gar zu traurig wäre. Ist doch eine richtige Anschauung für den Menschen das Wichtigste; bergen doch Kenntnisse und Fertigkeiten, Geld und Gut die größten Gefahren in sich, sofern sie nicht erst durch einen religiösen Sinn den rechten Wert und die richtige Verwendung finden! — Solche Eltern geben schon hierdurch zu erkennen, daß sie, den edleren Bedürfnissen des Lebens ab-