Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1889)
- Date
- 1889-07-01
- Page
- Seite 158 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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158 Die Wohlthätigkeit wird zur Friedensstifterin unter den Menschen. *) Sie nimmt den Gegensätzen und Ungleichheiten der menschlichen Gesellschaft den Stachel der Bitterkeit und der ungerechten Verteilung des menschliches Glückes. Der Arme führt Klage: Welch ein Unterschied zwischen mir und jenem; jener wohnt in seinem gemächlichen Hause, ich bin Heimat- und obdachlos; jener ruht auf weichem Lager, ich auf hartem Boden. Werden nun diese scheinbar gerechten Klagen durch die Güte und Wohlthätigkeit der Menschen zum Schweigen gebracht, so betrachtet das Gott als eine Versöhnung der Armen mit der göttlichen Weltregierung und ihrem Geschicke.-) Die Wohlthätigkeit kann zur Retterin von schwerem Verhängnis werden, indem Gott durch sie das schwere Verhängnis dem Bedrohten abwendet. So rät Daniel dem Könige Nebuchadnezar, nachdem er ihm den verhängnisvollen Traum gedeutet hatte: „Löse deine Sünden durch Wohlthaten und deine Missethaten durch Wohlthätigkeit gegen die Armen".3) Zu den vier Dingen, welche das von Gott über den Menschen bereits gefällte Urteil zu Nichte machen, gehört die Wohlthätigkeit. Abba Chilkia, ein Enkel des bekannten Onias, welcher wie ein Heiliger und Wunderthäter vom Volke verehrt wurde, weil er bei Regenmangel durch sein Gebet von der Gottheit mit Gewährung des Regens ausgezeichnet wurde, sollte einst in gleicher Weise auf Verlangen des Volkes um Regen bitten. Er und seine Gattin wandten sich im Gebete zu Gott, und er schrieb die Erhörung dem Verdienste seiner Gattin zu, weil diese durch ihre Wohlthätigkeit, die sie im Hause eher Gelegenheit als jener auf dem Felde zu üben habe, mehr Anrecht darauf habe. 4) Rabbi Elieser, R. Josu und R. Akkiba sammelten milde Gaben für die vermögenslosen Studierenden. In Antiochien erhielten sie gewöhnlich von einem reichen wohlthätigen Manne Abba Juda reichliche Unterstützung. Eines Tages aber verlor er sein ganzes Vermögen. Als die Rabbiner wieder nach Antiochien kamen und er sie erblickte, geriet er in große Verlegenheit und eilte nach Hause zu seiner Gattin. Diese fragte ihn, warum er so bestürzt sei? Die Rabbiner sind angekommen, erwiderte er, und ich bin nicht mehr in der Lage, ihnen etwas zu geben und weiß nicht, was beginnen. Seine Gattin, die noch wohlthätiger als er war, riet ihm, das einzige Feld, das ihnen noch geblieben, zur Hälfte zu verkaufen und den Erlös für die armen Schüler den Rabbinern zu geben. Der Mann that also, und die Rabbiner, welche Kenntnis davon erhielten, beteten für ihn mit den Worten: „Möge dir Gott deinen Verlust ersetzen". Rach einiger Zeit ackerte er auf seinem halben Felde und mit einem Male öffnete sich vor seinen Augen der Boden und die Kuh fiel in die Grube und brach den Fuß. Er stieg hinab, um das Tier heraufzuholen, da leuchtete ihm ein Schatz entgegen und er erkannte, daß die Kuh nur zu seinem Glücke den Fuß gebrochen habe. Als die Rabbiner wieder einmal in diese Stadt kamen und sich nach Abba Juda erkundigten, erfuhren sie, daß er wieder Besitzer von Sklaven, von Ziegen, Kaineelen und Rindern sei und wegen seines Reichtums nicht leicht zu treffen sei. Er aber, benachrichtigt von der Änkunft der Rabbiner» war bereits ihnen entgegen geeilt und von ihnen befragt, wie es ihm gehe, antwortete er: Euer Gebet hat vielfache Früchte getragen. ‘) Aboth 2, 5. ') Ja». Jes. 49. 3) Dan. 4, 24. <) Taanit 23. °) Midr. Lev. rab. c. 5.