Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1889)
- Date
- 1889-07-01
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969768-2969776--2624-2972814- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
152 Und geschmückt mit dieser höchsten Zierde, Lächelt heiter sie ihr Leben hin. Was sie spricht ist überlegt und weise, Anmutvoll und sanfter Unterricht, Alles hält sie treu im rechten Gleise Brot der Trägheit liebt und ißt sie nicht. Ihre Kinder preisend sie erheben Und es tönt des Gatten Lob ihr zu: „Viele mags der wackeren Weiber geben „Aber Aller Perle bleibest Du". Schönheit ist eitel und Aeußeres flüchtig, Lob sei dem sittigen Weib nur gebracht, Wie sie gelebt und geschaffen hat tüchtig Wird nach Verdienst ihrer preisend gedacht. Dies hohe Lied von Frauenwürde ist, wie ich mir denke, als Festgesang bei der Jubelfeier einer altisraelitischen Ehe entstanden. Ihm ist Poesie und Leben zu tief eingeprägt, es ist nach der Natur gezeichnet, kein abstractes Lehrgedicht, sondern ein concretes Loblied. Die besten Gedichte sind ja Gelegenheitsgedichte. Und die jüdische Hausfrau, deren Preis in escheth chajil vor Jahrtausenden erklang, lebt heute noch in den Herzen fort als Ideal einer echten rechten Hausfrau. Mit diesem herrlichen Frauenlob, dem glänzendsten Zeugnis für die Verehrung, die schon das alte Judentum — mitten im Sinnenkultus des Heidentums und seiner Mißachtung, Knechtung und Geringschätzung des weiblichen Geschlechts — den Frauen hegte, mit diesem hehren Denkmal für die Stellung die es den Frauen in der Familie einräumte, für die Bedeutung, welche das Weib zu allen Zeiten im jüdischen Leben einnahm: mit diesem köstlichen Lobgesange auf die Hausfrau, begrüßte sonst am Freitagabende der Hausvater den Sabbathanfang im häuslichen Kreise. Und ob das Lied auch bei uns, in Deutschland wenigstens, mit dem Freitagabende allmählig dahingeschwunden — der Sinn, der es durchweht, die Hoch- und Heilighaltung des Weibes lebt fort und soll und wird fortdauernd nachwirken. Der christlichen Familie, der christlichen Hausfrau, der christlichen Liebe, steht die jüdische Familie, die jüdische Hausfrau, die jüdische Liebe und Wohltätigkeit uicht nur gleichwertig, sondern als' alleinige Grundlage und Quelle vollkommen ebenbürtig zur Seite. Das muß jeder bibelkundige Christ, jeder Christ, der einen Einblick in jüdisches Familien- und Gemeindeleben tat, bereitwillig zugestehen. Darum hat man auch nie von einem praktischen Judentum gesprochen, so wie man heutzutage wenigstens praktisches Christentum anruft. Es war nicht nötig, wäre eine Wortwiederholung, denn Judentum ist Praxis. Freilich wäre es endlich an der Zeit und besser am Platze, solche pflichtmäßige, allein menschenwürdige Tugenden menschlich zu nennen, statt jüdisch oder christlich. Das Escheth chajil, das hohe Lied vom Frauenwert hat der jüdische Minnesänger Süßkind von Trimberg (ein deutscher Jude, der deutsch dichtete, und um 1200 in der Nähe von Würzburg lebte) wie folgt bearbeitet: „Ihres Mannes Krön' ist das vielwerte Weib,