Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1889)
- Date
- 1889-07-01
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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150 Quellen uns in der tiefdurchdachten, gedankenreichen Erzählung von Hiob, in Kohelet, dem Prediger Salomonis, die ganze Stufenleiter des Pessimismus von der indischen Nirvana und der griechischen Stoa bis zu Schopenhauer, und die titanische Faustidee vorgezeichnet — aber mit erhebendem, versöhnenden Schluß. In den Sprüchen Salomonis endlich enthüllt sich uns die Fülle jener gedankentiefen Lebensregeln und Weisheitssprüche die heute von allen Dächern gepredigt werden, die Gemeingut der Menschheit geworden sind und in der Spruch- Weisheit so vieler Völker, hauptsächlich des jüdischen — und vorzugsweise in den Sprüchen der Väter — ihre Fortsetzung fanden. Und endlich die Psalmen, die Propheten: diese klassischen Dichtungen, wo wären sie übertroffen! Die herrlichen Naturschilderungen, die wie im Psalm 104: Preise den Herrn meine Seele Herr mein Gott wie groß bist Du — Alexander von Humboldt, allerdings ein Schüler Moses Mendelssohns, im Kosmos so hochgeschätzt, die schwungvollen Lobgesänge, die ergreifenden Buß- und Trauerlieder: sie klingen, gleiche Glut und Begeisterung erweckend, durch Jahrtausende in den Herzen jüdischer wie christlicher Beter fort. Ich will hier nur eines Psalms gedenken, in dem die patriotische Glut so hell lodert, wie nur irgend in einem modernen Trauerlied eines unglücklichen Volkes jenes Psalms 38: An den Wässern Babels saßen wir und weinten, Da wir Zions gedachten. An die Weiden dort hingen wir unser Harfen, Denn unsere Zwingherren heischten Sangesweisen, Unsere Plünderer Freudenlieder. „Singt uns doch Zionslieder!" „Wie sollten wir singen des Ewigen Sang „Auf fremder Erde?" Vergäß' ich Dein Jerusalem Welke die Rechte mir ab. Die Zunge klebe mir am Gaumen So ich Dein nicht gedenke, So ich Jerusalem nicht auf meiner Freuden Gipfel erhebe. Gedenk' o Herr den Söhnen Edom den Tag von Jerusalem, Da sie riefen: Verheert's, zerstört's, bis auf den Grund. Babels Tochter, Du öde, Heil dem, der Dir vergilt Nach der That die Du uns gethan. Heil dem, die Deine Kinder greift und am Felsen zerschmettert. Der racheathmende Schluß ist weder religiös, noch sittlich — nach unserer Anschauung. Aber haben nicht etwa Jahrhunderte und Jahrtausende später gleiche Rachegedanken, und noch stärkere Verwünschungen die Kirchen durchhallt? Tönt uns nicht heute noch von unseren revanchelüsternen Nachbarn Ähnliches, Schlechteres, mit minderer Berechtigung entgegen? Der ganze Psalm erscheint unseren Gefühlen fremdartig, denn uns fehlt und soll fehlen die Sehnsucht nach Jerusalem. Aber wie er den Ahnen in tausendjährigem Martyrium ein thränenerpressender, herzerschütternder Hansgesang am Sabbath war, als Erinnerung, daß nichts, auch die Sabbathfreude und der Sabbathfriede, ungetrübt sei, seit