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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-07-01 · Heft 7 (1.7.1889) · p. Seite 149

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 7 (1.7.1889)
Date
1889-07-01
Page
Seite 149 (sequence 5)
Language
German
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149 sei es vom sittlichen, sei es vom sozialen, sei es vom künstlerischen Gesichtspunkt — sie bilden das edelste, erhabenste Schriftwerk der Menschheit. Die Wissenschaft hat die kritische Sonde an ihre einzelnen Teile, an ihre Entstehungsgeschichte angelegt, sie ist ihren Urquellen nachgegangen, hat den Nebeldunst des Übersinnlichen, des Wunderglaubens verscheucht. Um so herrlicher erstrahlt der Glanz der biblischen Bücher. Wo das Wunder aufhört, beginnt die Bewunderung. Selbst die Spuren damaliger Sitteneinfalt in Erzählungen welche, beweisen, daß die Bibel ein Volksbuch, kein Schulbuch ist: können nichts an der Thatsache ändern, daß die Juden in ihrer Bibel der Menschheit die Grundlage ihrer religiösen Erbauung, ihrer sittlichen Veredelung gegeben. Auch das vielangefochtene altbiblische „Aug' um Auge" und Ähnliches ändert nichts daran, weder wenn man den Satz sinnbildlich für einen Ausspruch der Gerechtigkeit, noch wenn man ihn wörtlich als die Norm eines alten Vergeltur.gsrechts nimmt; denn noch Jahrtausende später hat die Strafgesetzgebung christlich-gebildeter Staaten einer ähnlichen Strafrechtstheorie gehuldigt. Welch tiefen sittlichen Wert aber haben die altbiblischen Vorschriften, die — um von den selbstverständlichsten, in den Zehnworten enthaltenen zu schweigen, obschon z. B. das Gebot „Du sollst nicht gelüsten" das im Haß, Neid und Strebertum gerade unserer Tage ein vielfach übertretenes ist — welchen sittlichen Wert haben die altbiblischen Vorschriften, die Rache und die Nachträglichkeit verbieten, Ehrfurcht vor dem Alten gebieten! Wie fein ist die Anordnung: dem Blinden sollst Du kein Hindernis in den Weg legen, möge sie wörtlich oder bildlich gemeint und aufzufassen sein. Und wie innig ist das sittliche und das soziale Element verschmolzen in den altbiblischen Geboten: dem Armen, der Wittwe, der Waise, dem Fremden zu helfen, dem Arbeiter den Lohn nicht vorzuenthalten, ihn nicht zu drücken, in Maß und Gewicht redlich zu handeln, das gepfändete Bett nicht über Nacht zu behalten, dem Feinde beizustehen! Und die Kunst? Gehören die Erzählungen von Rebekka am Brunnen, von Joseph, von der Findung Mosis nicht zu den lieblichsten der Volkspoesie? Liegt in der Schöpfungsgeschichte, in der Erzählung vom Baum der Erkenntnis, von Kains Fluch: „vor der Thüre lauert die Sünde, du aber kannst sie bezwingen" — nicht eine Gedankentiefe und eine Geistesklarheit, wie sie die philosophischen Systeme späterer Jahrtausende in ihren Untersuchungen über Willensfreiheit kaum verdunkelten, jedenfalls nicht anschaulicher darstellten! Unübertroffen sind Novellen, wie Ruth, die älteste und freisinnigste, reinmenschliche Idylle, Esther die von inniger Anhänglichkeit an den Väterglauben und Volksstamm beseelte, lebendig geschriebene Erzählung, Jona, mit dem stolzdemütigen Bekenntnis: „ein Hebräer bin ich und den Gott des Himmels und der Erde fürchte ich" — ein Bekenntnis, das offenbar den Urtext bildet zu dem geflügelten Worte des Reichskanzlers: wir Deutschen fürchten Gott, sonst Niemand. Diesen klassischenProsadichtungen reihen sich würdig an: das hohe Lied der Liebe, ein von Anmut und Jugendglut dnrchströmtes Liebesdrama, das nur frommgläubige Geschmacklosigkeit symbolisieren konnte, hier für den Bund Gottes mit Israel, dort für den Christi mit der Kirche. Und als ob es gegolten hätte, allen Richtungen des Dichtens und des Denkens nicht blos die Wege zu ebnen, sondern vorbildlichen, höchsten Ausdruck zu geben, haben die altbiblischen

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