Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1889)
- Date
- 1889-07-01
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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147 fehlt in jüdischen Kreisen an vereinzelten Schwärmern nicht, die das Ziel, die Entwickelung des Judentums, in einem eigenen Staat, in der Rückkehr nach Palästina oder sonst einer romantischen Neustaatsschöpfung ersehnen. Dem aufmerksamen Forscher in der Geschichte der Juden, der unbefangenen Blicks die Schicksale und Wandlungen, die Schöpfungen und Geisleserzeugnisse der Juden im Laufe von Jahrtausenden vor seinem Auge vorüberziehen sieht, der inne wird, daß diese Geschichte voll und übervoll ist von Offenbarungen, von Zeugnissen und Einwirkungen göttlichen Geistes: — dem wird die Ueberzeugung sich unerschütterlich aufdrängen, daß es das Wesen des Judentums verkennen hieße, wollte man es wieder an seinen dereinstigen geschichtlichen Ausgangspunkt znrückbannen, wollte nian es mit der Elle einer politischen Staatsumgrenzung messen, wollte man sein Ziel in einen politischen Staat setzen. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt", es ist kein weltliches, sondern ein geistiges: das kann im politischen, im nationalen Sinne das Judentum von sich sagen, das predigen die Schicksale, die Erfahrungen, die Leiden, die Erfolge von Jahrtausenden. Größer als je zuvor ist heutzutage die Zahl der Juden auf der Erde; in allen Ländern — soweit nicht barbarische Gesetztste hindern — wohnen sie, je höher ein Land in geistiger und politifcher Entwickelung steht, umsomehr angesehen, um so hervorragender sind sie beteiligt an der staatlichen Entwickelung. Und wie die Zahl der heutigen Juden größer ist, als vor Jahrtausenden, größer vollends, als die der einstigen Angehörigen des Reiches Juda, so ist auch ihr Bildungsstand — entsprechend den veränderten Kulturverhältnissen, — ein weit höher entwickelter, was insbesondere die breiteren Schichten anlangt. Aber auch die großen Männer des Geistes und des Herzens, an denen Israel seit seinem Eintritt in's Leben reich war, und welche die eigentlichen Träger seiner Geschichte, die Bildner des Judentums waren und wurden, haben in fast keinem Jahrhundert, und vollends in dem unseren nicht, gefehlt. Wohl erfüllt das Herz mit wehmütigem Stolz der Rückblick auf die heldenmütigen Dulder, auf die edlen Märtyrer, die in den düsteren Tagen der mittelalterlichen Wüstenwanderung unserer Vorfahren mutig und glaubensinnig ihr Leben hinopferten für den Glauben an den Einen Gott: — aber in dem tapferen Widerstände gegen antisemitische Nadelstiche und Vergiftungsversuche unserer Tage, in der durch alles dies unbeirrten treuen Uebung bürgerlicher und staatsbürgerlicher Pflichten, in der regen Beteiligung an den allgemeinen Kultur- und Humanitätsaufgaben, welche die Juden unsrer Tage auszeichnet, erweist sich die gute Schule aus der sie hervorgingen, und wir dürfen mit berechtigten« Stolz sagen: sie sind der Ahnen wert, erweisen sich auch unter veränderten Zeitverhältnissen als ebenbiirtig. Wie wenig aber die Sendung der Juden darin liegt, ein eigenes politisches Leben zu bilden, wie sehr ihr Beruf war — um mit Börne's scharfen, aber von der Geschichte bestätigten Worten zu reden, „das Salz zu sein, das die Völker Europa's am Verfaulen hinderte" — wie innig sie vermögen, und wie sicher sie bestimmt sind, an der Kulturentwickelung der Menschheit in den verschiedensten Ländern teilzunehmen — das lehrt vor Allem ein Blick in die Litteraturgeschichte der Juden. Es ist die großartigste, wunderbarste, eigentümlichste, nicht blos der Zeitdauer, nicht blos der örtlichen Ausdehnung nach, sondern auch wegen ihrer sprachlichen Mannigfaltigkeit, ihrer Geistestiefe und Innigkeit. 13*