Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1889)
- Date
- 1889-07-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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146 fürs eigene Heim UGd die eigene Person abweist, für die Gesamtheit und für die Oeffentlichkeit aber als ein heiliges Rührmichnichtan betrachtet. Abfall und Uebertritt hier — Scheinfrömmigkeit dort: Gegensätze auf den ersten Anblick, sie sind doch in Wirklichkeit ein gemeinsames Erzeugnis der Unkenntnis von jüdischem Wissen und Wesen. Wer sich in die Geschichte der Juden vertieft, der kann nicht anders, der muß von inniger, dauernder, fürs Leben nachhaltiger Begeisterung für das. Judentum, die erhabene Religion der Menschheit und der Menschlichkeit ergriffen werden, den können weder Anfeindungen von außen zum Abfall verleiten, noch Rücksichten irgend welcher Art hindern, immer tiefer und klarer den Geistesgehalt des Judentums zu erforschen und abzulösen von dem Schutt und Moder, von den Umhüllungen, die sich im Laufe der Jahrhunderte ansetzten. Ein Perlenschmuck behält seinen dauernden Wert, unabhängig von dem, im Zeitenlaufe unscheinbar gewordenen Behältnis, in den« er aufbewahrt wird. Es giebt aber Leute, denen das Behältnis heiliger ist, als der Schmuck. Sieh nicht — heißt es in den Sprüchen der Väter — auf das Gefäß, sondern auf den Inhalt. Die Geschichte der Juden nun läßt sich nach vierfacher Richtung verfolgen. Einmal, und das ist der geläufigste Gesichtspunkt, nach ihren äußerlichen Schicksalen. Von diesem Standpunkte aus kann und muß man von einer Leidens¬ und Märtyrergeschichte der Juden sprechen, von einem Heldentum, wie es einzig in der Geschichte dasteht. Die Geschichte der Juden ist zweitens, und das ganz überwiegend, eine Religionsgeschichte. Sie ist drittens eine Kulturgeschichte. Denn die Juden haben nicht blos auf religiösem, sondern auch auf dem umfangreicheren, die Religion zwar als ihre Wurzel mitumfassenden, aber sie weit überragenden Gebiete der Kultur zu allen Zeiten ihre eigentümliche Stellung behauptet, z. B. im Bereiche der Jugenderziehung, der Philosophie, der Poesie, der Arzneikunde, der Rechtswissenschaft, der Krankenpflege, der Fürsorge für Arme und Fremde. Endlich und viertens ist die Geschichte der Juden von Bedeutung als Literaturgeschichte. Diese vier großen Gebiete: der Lebensschicksale, der Religion, der Kultur und der Literatur durchschliugen und bedingen sich freilich vielfach; aber sie sind doch verschiedene Richtungen und verdienen besondere Beachtung. Das Gemeinsame dieser vier Abzweigungen der Geschichte jüdischen Geisteslebens ist — ganz im Gegensatz zu dem, was man immer den Juden zum Vorwurf macht, zu dem völlig unbegründeten Tadel der Absperrung,.des Sonderlebens, des Partikularismus, — die Universalität der jüdischen Geschichte. Sie ist nach Zeit wie nach Raum nicht an die Grenzen gebunden, denen die Geschichte anderer Völkerftämme unterliegt. Die Juden haben seit der Zerstörung Jerusalems kein eigenes Reich mehr. Und das mag in den Augen oberflächlich Urteilender, an Außendingen Haftender als ein Grund für die Acht gelten, welche zwei Jahrtausende den Juden bereiteten, wie nian ja in den Hep-Hep-Rufen die höhnende Abkürzung von Hierosolyma est perdita — Jerusalem ist verloren — zu finden meinte. Als einen „Johann ohne Land unter den Völkern", hat in der That der Pessimist Schopenhauer, der geistige Urvater und Vordenker der ihm nachbetenden Antisemiten unserer Tage, die Juden verspottet. Und es fehlte und