Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1889)
- Date
- 1889-06-01
- Page
- Seite 129 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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129 und wenn auch die reformatorische Bewegung den geistigen Inhalt des Christentums mehr zu betonen suchte, so hat doch auch die evangelische Kirche die Ceremonieen weder entbehren können noch wollen. Was nun den Gottesbegriff betrifft, so gibt es keinen höher», als den mosaischen; der kirchliche hält „Gott und Mensch" nicht von einander getrennt, und der liberale kommt einer Gottesleugnung gleich. Der philosophische kommt dem mosaischen gleich und stimmt damit überein. Nach der Bibel wohnt das Bewußtsein von Gott dem Menschen von Natur inne; Adam weiß von Gott schon vor der Offenbarung. Auch lehrt die Erfahrung, daß selbst die Wilden das Bewußtsein eines höher«, göttlichen Wesens haben, das Dasein eines Gottes ahnen, der Schöpfer und Herr der Welt ist, von dem die Menschen in Abhängigkeit leben. Selbst das sittliche Bewußtsein ist nach der Bibel den ersten Menschen von Natur aus nicht fremd; das Gewissen erwacht bei Adam sofort nach der bösen That und ist ihm ursprünglich. Aber das Bewußtsein von Gott und Sittlichkeit trübt sich in der Menschheit, hebt sich und trübt sich wieder, bis es in Abraham festen Boden gewinnt, welcher zur Erziehung des Menschengeschlechts für Gott und Sittlichkeit ausgesandt wurde, um durch Lehre und Beispiel dafür zu wirken. Dieser Beruf ging auf das von ihm entstammende Israel über und wird hier bis auf den heutigen Tag festgehalten. Abraham faßt Gott als den Allmächtigen, welcher Gewalt und Macht hat über alles; als solcher ist er auch der Einzige, welcher Keinen über und neben sich hat, denn von ihm ist alles ausgegangen, von ihm ist alles abhängig. Abraham's Gotteserkenntnis ruhte auf Beobachtung der Natur, der sinnlichen Schöpfung. Sinnliche Beobachtung ist die frühere niedere Stufe, die spätere höhere ist die Erkenntnis, philosophisches, abstractes Denken; sinnliche Beobachtung ist der Täuschung unterworfen und hat nicht die Bürgschaft der Wahrheit. So lehrt die moderne Philosophie Kant's, so lehrt aber auch schon die alte Bibel. Hier heißt es (Exod 6, 3): „Von Abraham, Isaak und Jakob bin ich als ein allmächtiger, allgewaltiger Gott gesehen (aus der sichtbaren Natur und Erfahrung begriffen) worden, als „ewig Seiender" bin ich von ihnen noch nicht erkannt worden." Als solchen erkannte ihn erst Moses, offenbarte sich Gott ihm. Der mosaische Gottesbegriff ist demnach der höchste und allein wahre, mit dem auch die philosophische Erkenntnis übereinstimmt, und über welchen das abstracte Denken (u, priori) nicht hinaus kam. Spinoza erklärt Gott als Ens (das absolut, ewig Seiende), Hegel als das Wesen an und für ich. So auch die Bibel: Gott sagt von sich: „Ich bin und werde sein, der ich ein werde," als das ewig Seiende von jeher und immer fort, der Seiende, von >em wir wissen, daß, aber nicht wie er ist, von dem wir demnach auch keine innliche Vorstellung haben, der Geistige, als Geist Existirende. Die Bibel beendet sich demnach in vollständiger Uebereinstimmung mit der Philosophie. Auch )er pantheistische Gottesbegriff fehlt im Judentum nicht. Hamakom (der Raum) als Bezeichnung für Gott ist der Raum an sich, das All, denn Gott trägt das All in sich, und das All wird von Gott getragen. Spinoza wurde vom Rabbinat Amsterdam des Pantheismus angeklagt und verurtheilt, weil der christliche Klerus dazu drängte, denn Spinoza beeinflußte auch die kirchliche Richtung. Bald darauf wurde ein anderer jüdischer Philosoph von den Juden Amsterdams aus Furcht vor den Christen auch des Pantheisnins angeklagt. Dieses Mal war es ein anderes Rabbinat, und dieses Mal drängten auch die Christen nicht. Das Rabbinat sprach den Angeklagten frei, denn der richtig verstandene Pantheismus