Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1889)
- Date
- 1889-06-01
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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130 sei keine atheistische Verleugnung Gottes; der Gedanke, daß Gott das All erfülle und das All von ihm erfüllt sei, finde sich in der Bibel und im Talmud. Die biblische (mosaische) Bezeichnung Gottes ist Ihv (u) und wird erklärt als das Seiende; Ihvh li d. h. der war, ist und sein wird, d. i. das Wesen, welches allein eine wirkliche und dauernde Existenz hat, während alles Andre nur eine Scheinexistenz besitzt, weder eine ursprüngliche, noch dauernde; Gott allein ist das wirklich und ewig Seiende. Der Gottes-Name ist der damals allgemein gebräuchliche: ln (piter), Diu (Zeus), Deus, Dieu, welches ursprünglich „heiterer Himmel" bedeutet (vgl. dies Tag); auch Exod. 24,10 spielt auf eine solche Vorstellung an. Ihvh ist daher kein Eigen-, sondern Begriffsname; Moses behielt den herkömmlichen und gebräuchlichen Gottesnamen bei und änderte nur den Gottesbegriff. In ähnlicher Weise ist unser „Gott" das ehemalige „Götz" (Götze, gegossenes Bild); der Name ist gleich, der Begriff ist jetzt ein ganz andrer. Der mosaische Gottesbegriff hat demnach nichts mit dem Heidentum gemein. Ihvh ist nicht Eigename eines einzelnen Gottes unter den vielen heidnischen, polytheistischen Göttern. Er ist auch nicht ein besonderer Nationalgott der Juden, den diese für sich haben, wie auch die heidnischen Völker ihre besonderen National- und Schutzgötter haben. Dem Judentum ist eine solche Vorstellung durchaus fremd, dagegen hat sie sich bei den Christen in dem Glauben an nationale und persönliche Schutz-Patrone erhalten. Der mosaische Gott gilt als Gott der ganzen Welt, aller Menschen und Völker. Er heißt „Gott Israels" nicht als Nationalgott der Juden, sondern weil Israel zuerst und anfänglich allein Gott als einen universellen erkannt hat. Er bevorzugt daruni auch nicht Israel auf Kosten und zum Nachteil der anderen Völker, denn er ist der alleinige Gott und Gott Aller. Er ist demnach auch nicht „gewaltthätig und rachsüchtig", denn wer sollte da der Gott der „Liebe" sein? es gibt keinen außer ihm. Der niosaische Gott ist ein Gott der Liebe. Gegenteilige Aussprüche unserer Gegner, zu denen auch Renan gehört, beruhen auf Ignoranz oder vererbtem Vorurteil und confessionaler Polemik. Man drängt dem Judentum und dem alten Testaineut eine Inferiorität auf, unl das Christentuin und das Neue Testament höher stellen zu können. Was da als höhere Wahrheit und Vollendung in Wirklichkeit gilt, sind dem Judentum entnommene Lehren. „Rache" ist in der Bibel verboten, Nächstenliebe ist geboten, und Gott sollte Rache, nicht Liebe üben? Rache ist nur anthropomorphistischer Ausdruck für Gericht, Vergeltung (aber selbst Gottes Strafgericht ist Liebe. Er vergibt gern dem reumütigen Sünder, er gedenkt noch bei den Kindern und Enkeln der Sünden der Väter, denen die Kinder unbewußt gefolgt sind, nni in liebevoller Nachsicht zu vergeben, und straft den Sünder nicht, um aus Rachsucht ihn zu verderben, sondern um aus Liebe ihn zu bessern und vom Untergang ihn zu retten. Gott wird ausdrücklich als ei» „Gott der Liebe" bezeichnet. Seine Eigenschaften sind Liebe, Gnade, Barmherzigkeit; was von ihm ausgeht, ist Liebe, was von ihm dem Menschen begegnet, ist Gutes, was er thut, ist wohlgethan (Exod 34 Decalog. 2). Er ist nicht nur Schöpfer, er ist auch gnädiger Walter im Menschenleben (Decalog. 1). Er will nicht nur eifersüchtig der Höchste unter den Göttern sein, er ist der alleinige Gott, keiner ist außer ihm Gott, die falschen Götter sind nicht Götter, keine wirklich und „ewig seienden" (Decal. 2 u. 3). Wie es nur Einen Gott giebt, so giebt es auch nur Eine Menschheit, Ein Gott hat sie erschaffen, Einem