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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-06-01 · Heft 6 (1.6.1889) · p. Seite 128

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 6 (1.6.1889)
Date
1889-06-01
Page
Seite 128 (sequence 8)
Language
German
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128 Beschränkung nnd giebt dem Christentum keine Veranlassung, sich über das Judentum zu erheben. Jesus ging darin aber auch nicht einmal über das Judentum hinaus, er lebte sowohl im Gesetze, wie er die Heiden ausschloß; er nannte sie „Säue" und „Hunde", denen man die Perle der heiligen Lehre nicht vorwerfen solle, damit sie solche nicht zertreten. Nicht daß er diese Fremden grundsätzlich zurückgewiesen hätte» sondern nur vorläufig, weil er sie zur Aufnahme noch nicht für reif und fähig hielt. Erst Paulus, der den Heiden das Judentum brachte, hob das formale Gesetz auf, nicht um dessen Geist zu betonen, sondern weil es die Annahme der Religion erschwerte. Er forderte sogar nicht einmal den Geist des Gesetzes, die Moral und Gesinnung, sondern forderte nur die formale Annahme der Religion, den Glauben, ohne die guten Werke. Nur erst gewinnen, dachte er, und formell annehmen und dann für gute Werke erziehen. Darüber geriet er in Conflict mit dem Apostel Jacobus, dem Bruder Jesu, der den Glauben ohne die guten Werke als wert- und bedeutungslos verwarf. Es ist dies wahrscheinlich unser Rabbi Jacob (Abot 4, 21 u. 22) der auf das Jenseits im Gegensatz zum Diesseits hinweist und dieses die Vorhalle zu jenem nennt, welches er als Speisesaal (triclinium) bezeichnet; auch betont er die guten Werke als die Hauptbestimmung für das disseitige Leben, ohne welche das jenseitige wertlos sei, während alle Genüsse des diesseitigen Lebens wiederum nichtig seien gegen die Freude des Jenseits. Jesus ist also nicht der eigentliche Stifter des Christentums, sondern Paulus, der offenbar keine neue Lehre zu gründen beabsichtigte, sondern in Bezug auf Gottesbegriff und Moral dem Heidentum Concessionen machte, den gewohnten Anschauungen gemäß einen sichtbaren Gott zuließ und in Rücksicht auf das gewohnte Genussesleben die guten Werke der moralischen Erziehung überlies; auch die strenge Ascetik des Christentums wurzelte zunächst in den unsittlichen Orgien des Heidentums und sollte zu deren Bekämpfung als diciplinarisches Mittel pädagogischer Erziehung dienen. Für die heidnischen Völker hatte dies Zweck und Bedeutung, nicht aber für die Juden. Es lag darin eine Abweichung vom Judentum, aber gewiß kein Fortschritt für dasselbe. Den Heiden gegenüber konnte man daher auch nicht »lehr von jüdischer, sondern christlicher Lehre sprechen. Paulus mußte den Heiden gegenüber das Gesetz abschaffen; er konnte die Moral noch nicht gesetzlich fordern, sondern die guten Werke, die Sittlichkeit, erst von dem Erfolg der Erziehung abwarten. Im Judentum ist die gute That, die Moral gesetzlich gefordert und die gute Gesinnung, die freie Entschließung wird von dem Erfolg der Erziehung erwartet. Das Judentum schließt auch nicht etwa in nationaler Beschränkung die Propaganda aus, aber drängt die Lehre nicht auf, fordert Erkenntnis, Ueberzeugung und freiwilligen Uebertritt. Das Judentum hält sich nur scheinbar zurück, ganz wie Jesus, um seine Lehre rein und unvermischt in ursprünglicher Wahrheit zu bewahren, nicht um sie Anderen vorzuenthalteu. Auch das Cerenionial-Gesetz ist von» Christentum nicht als überflüssig erklärt worden. Jesus beobachtete es und Paulus hob es nur auf, in so weit dessen Erschwerungen die Fremden von dem Eintritt ins Judentum, der Annahme der neuen Lehre, zurückhielt. Beseitigt hat ja auch das Christentuni die Ceremonieen nicht, die Kirche hat sie nicht einmal neu geschaffen, sondern nur modificirt, denn auch die Ceremonieen der Kirche wurzeln im Judentum, sogar das verworfene blutige Opfer ist der Idee nach beibehalten worden. Auch hat das Sektenwesen des Christentums die Kirche ceremoniell verschieden gestaltet,

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