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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-06-01 · Heft 6 (1.6.1889) · p. Seite 127

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 6 (1.6.1889)
Date
1889-06-01
Page
Seite 127 (sequence 7)
Language
German
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— 127 — das Leben der einzelnen Menschen eingreist und darin waltet. Der kosmische Gott wird anerkannt, der schaffende, aber nicht der sittliche, der waltende, denn die sogenannte Waltung Gottes erscheint widerspruchsvoll und ungerecht im Einzelleben, wie im Leben der Völker. Die Bibel sagt: Der Mensch kann Gott nicht sehen, d. h. sein Walten nicht im Voraus (a priori) wissen, sondern nur nachher (a posteriori) als göttlich begreifen; nein! sagt die Philosophie: wir begreifen es nicht, darum ist es nicht. Wie aber die sittliche Welt sich entwickelt und leitet, ob nach Zufall und Willkür, oder nach Gesetz und Prinzip, wie die natürliche Welt, dies zu ergründen, ist der philosophischen Forschung noch Vorbehalten. Eine solche Erkenntniß würde die höchste Stufe und Vollendung in der Geschichte der Kultur und religiösen Entwickelung der Menschheit ausmachen. Es ist diese Anschauung weder neu, noch bei Renan auffällig, der solche Vorstufen im System seiner Entwickelungstheorie gebraucht. Danach steht der Mosaismus noch tief, aber er erhebt sich doch über das Heidentum und bildet die Vorstufe zum Prophetismus, der die Vorstufe zum Christentum bildet als der Vollendung der höchsten Stufe in der Entwickelung biblischer Anschauungen. Renans Name ist vollwichtig genug, um seines Einflusses bei der Menge sicher zu sein, der er schmeichelt aber die er auch durch die Form der Darstellung einnimmt. Trotz seines umfassenden Wissens und gründlichen Forschens macht er indeß Geschichte, aber schreibt keine. Wir gehen nur auf eine Widerlegung ein, weil seine oberflächliche Darlegung breit getreten und populär gemacht wiro und darum von schädlichem Einflüsse auf die urtheilslose Menge sein könnte. Beim kundigen urtheilsfähigen Publikum verdirbt Renan nichts. Vielleicht aber auch haben wir die Hoffnung, daß Renan widerruft, denn er hat schon manches widerrufen, was ihm als falsch und unhaltbar nachgewiesen wurde. Wir erwähnten schon: Renan nimmt den Mosaismus als unterste und Vorstufe der religiösen Entwickelung an, der Prophetismus steht höher und gilt ihm als Vorstufe des Christentums. Er ist jedoch ehrlich genug einzugestehen, daß inhaltlich das Christentum sich nicht über den Prophetismus erhebt; nur durch die Brechung der nationalen nnd gesetzlichen Schranken stehe das Christentum höher, darin habe es den Vorzug. Dies ist falsch. In Bezug auf den Gottesbegriff gehen die Propheten nicht über Moses hinaus und können es nicht, weil der mosaische Gottesbegriff der absolut höchste ist, auch in völliger Uebereinstimmung sich mit dem befindet, was die menschliche Logik und die Entwickelung der philosophischen Wissenschaft darüber aufstellt. Auch stellen weder Moses noch die Propheten eine nationale und gesetzliche Beschränkung als Prinzip auf. Der Mosaismus ist nur die vorübergehende und zeitweilige Anpassung der religiösen Ideen auf das damalige Volk und Land Israel, als Muster und Vorbild für eine spätere Zeit, wie für andere Völker und Länder. Von formalen Abänderungen pibt ja schon der Pentateuch selbst Zeugnis. Das Gesetz ist auch nicht in dem Sinne gegeben, daß die formale Erfüllung genüge, sondern das Gesetz wird nur zur Sicherung der sittlichen That gefordert, um die irrige Erkenntniß und die sündhafte Willkür auszuschließen; aber die Erhebung zur sittlichen Gesinnung und freien Entschließung zur sittlichen That werden ebenfalls gefordert. In gleichem Sinne wirken die Propheten, welche gegen das formale Gesetz eifern und den Geist desselben betonen, auch für eine Zukunft, in der Gotteserkenntnis viel, Gerechtigkeit und Liebe allgemein und der Friede groß sein werde unter allen Menschen und Völkern. Dies ist doch wohl keine gesetzliche und nationale

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