Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1889)
- Date
- 1889-06-01
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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125 das Herz erfüllt. Die Gottlosigkeit verwüstet Herz und Seele, beraubt den Geist seiner wahren Würde und Freiheit und bringt den Menschen endlich dahin, daß er sich selbst seine Götzen macht und für das Gemeine und Nichtige seine besten Kräfte einsetzt, keinen Unterschied mehr kennt zwischen dem, was ehrbar und segensvoll und dem was verderblich und verwerflich ist. Es ist der Glaube an den einen Gott, der auch der menschlichen Gesinnung eine innere Einheit verschafft, daß sie aus voller und ganzer Seele nur dem Guten sich zuwendet. Mit der Vielgötterei, die sich auf allen ja einander entgegengesetzten Richtungen bewegt, mit dem Götzentume, zu dem schließlich die Gottlosigkeit führt, geht die Gesinnungslosigkeit Hand in Hand, die Wahrheit mit Lüge vermischt, Gutes und Böses durcheinander mengt und so eigentlich nur Unheil und Verderben anrichtet. Judentum ist aber wahre, echte, reine, gediegene Rechtschaffenheit, die, weil sie von tiefem Gottesbewußtsein getragen ist, auch nichts von der menschlichen Niedrigkeit und Unvollkommenheit an sich duldet. Der Gedanke, daß du als Mensch dem Ewigen angehörst, auf Erden Göttliches zu vollführen hast, muß in deinem Herzen feste Wurzel fassen und das Bewußtsein, daß du zu freiem eigenem Schaffen berufen bist, nicht aber wie ein Knecht und Nachbeter dem Beispiele anderer prüfungslos folgen, sondern in deinem Herzen den Antrieb finden sollst zur Vollführung des Guten, dafür höherer Gottessinn dich begeistert, muß deine Seele erfüllen und es wird dann der Wahn und Trug dir ferne bleiben, ein ernstes Streben nach Recht und Wahrheit dich leiten und wahre segenschaffende Menschentugend und Menschenliebe von dir ausgehen, indem du nur Gutes durch sie zu Stande bringst deine eigene Befriedigung findest und dabei Erhebung des Geistes und Beglückung des Herzens. Haben wir nun den leitenden Gedanken unserer Lehre erkannt, haben wir gesehen, wie das Judentuin bei seinen Bekennern zunächst das lebendige Gottesbewußtsein voraussetzt, das nicht auf erkünstelte Beweise sich stützt, sondern in dem Adel des Menschenwesens seine tiefe Begründung findet, wie das Judentum nur da in seiner Wahrheit besteht, wo echter, reiner, überzeugungsvoller und thatkräftiger Sinn für Tugend, Recht und Wahrheit sich entfaltet, der nur gedeiht, wo die menschliche Mangelhaftigkeit zurücktritt und Vollendung im Lichte des Göttlichen angestrebt wird, dann wird es uns wohl klar sein, daß die Lehre, die unsere Väter einst bei Sinai vernahmen, keineswegs bloße Menschensatzung und allgemeine Pflichtenlehre enthält, daß sie vielmehr die sittliche Anschauung des Menschen in einen höheren Gesichtskreis zu rücken, auf eine Stufe zu bringen sucht, die zu allen Zeiten auf diesem, dem wichtigsten Gebiete des menschlichen Wirkens, das höchst Erreichbare sein und bleiben wird. Es handelte sich deshalb auch da nicht darum, schöne Worte zu machen und die ernsten Mahnungen in ein liebliches Sprachgewand einzukleiden, daß sie so leichten Eingang finden in die Herzen, es war da gar nicht am Orte, daß die Redekunst zur Hilfe genommen und die Herzen durch die Macht des Ausdrucks erobert werden. Auf Thaten kam es an, nicht auf Worte und nicht früher wurden die Lehren vom Sinai verkündet, als bis das ganze Volk ausdrücklich erklärt hatte: „Alles, was der Herr spricht, wollen wir thun und vollführen." An schönen Worten und Redensarten war kein Mangel, ist auch heutzutage ein Ueberfluß vorhanden, der sich gegen die schwächliche und unergiebige Wirksamkeit, die ihnen folgt, oft gar sonderbar ausnimmt. Was wird nicht alles von Recht und Wahrheit gesprochen! und doch wird Ungerechtigkeit ganz ohne Scheu geübt, wenn es nur der Oeffentlichkeit verborgen bleibt, wird Trug und Falschheit gar nicht gemieden,