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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-06-01 · Heft 6 (1.6.1889) · p. Seite 124

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 6 (1.6.1889)
Date
1889-06-01
Page
Seite 124 (sequence 4)
Language
German
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124 innersten Wesens entäußert, hat seiner eigenen Geistesheimat sich entfremdet, hat kein Recht auf weiteren Fortbestand und muß, weil er seiner Ehre beraubt ist, ein Gegenstand gerechter und heftiger Angriffe werden. Znm großen Schmerze aller derjenigen, die es gut mit Israel meinen, ist es aber in unserer Zeit so weit gekommen, daß Judentum und Gottlosigkeit als gleichbedeutend angesehen werden, und, was noch mehr zu bedauern ist, diese Anschauung der Dinge in der That auch gar nicht als so unbegründeterscheinen mußte. Wer die geistigen Bewegungen der letzten Jahrzehnte mit Aufmerksamkeit verfolgt hatte, dem konnte es nicht anders Vorkommen, als ob Israel ein Heer von Gottesleugnern in die Welt hinausgesendet hätte, das den erhabenen Glauben an den Ewigen mit allen Waffen, mit schnödem Spotte und alberner Scheinweisheit, bekämpfen und gegen jedes über das Irdische sich erhebende dem Göttlichen zugewandte Sinnen und Streben zu Felde ziehen sollte. Menschen, deren Bildungsgrad über die eingelernte Schulweisheit nicht hinausreicht, Menschen, die überhaupt eines reifen Urteils, eines klaren Gedankens nicht fähig sind, die einen so beschränkten Gesichtskreis haben, daß ihnen für die höheren Fragen der Menschheit jedes Verständnis abgeht, glaubten in ihrem maßlosen und durchaus unberechtigten Eigendünkel sich über alle Religion hinwegsetzen zu dürfen, rühmten sich damit, daß ihnen die heiligen Lehren und EinrichtuilgeN der Religion ein Fremdes und Gleichgültiges geworden seien als ob sie etwas Höheres gefunden, große Gedanken ersonnen, edle Bestrebungen erweckt hätten, die die Religion ersetzen könnten. Die den Gottesglauben aus ihrein Herzen gebannt, die gegen alle Religion sich gleichgiiltig verhalten zu müssen glaubten, haben sie dadurch an menschlicher Tugend zugenommen, hat diese Gleichgültigkeit sich nicht allmälig auf alles Geistige und Höhere ausgedehnt, so daß am Ende eigentlich nur der Sinn für den irdischen Lebensgenuß allein ihnen übrig geblieben ist? Für was haben denn solche Menschen sich überhaupt zu erwärmen und zu begeistern vermocht? haben sie etwa mit glühendem Wissensdurste den Quellen höherer Einsicht und Erkenntnis sich zugewendet und ihr Streben und Wirken für die Förderung der Wissenschaft eingesetzt? War es ihnen darum zu thun, daß die Wahrheit siege über den Trug, daß sie vor Trübungen und Fälschungen geschützt und die Lüge auf allen Gebieten bekämpft und niedergeschlagen werde? Oder ist es ihnen nahe gegangen, wenn jemanden ein Unrecht zugefügt wurde, so daß sie, aufflammend von edler Entrüstung, sich der Verfolgten und Unterdrückten annahmen und sie zu schützen suchten gegen die Ränke ihrer arglistigen und gewissenlosen Widersacher? Die gegen die Religion gleichgültig geworden, die sind gleichgültig auch in Bezug auf Recht, Wahrheit und Menschlichkeit, ihre Tugend ist keine Tugend, vermag, da sie nur die Oberfläche des Herzens berührt, nicht Stand zu halten zur Zeit der Versuchung, ihre Wohlthätigkeit ist keine Wohlthätigkeit, denn, da nicht ernstlich danach gefragt wird, ob jemand ihres Genusses auch würdig sei, kömmt sie in den seltensten Fällen einem zu Gute, der wirklich unterstützenswert ist, ihr edelstes Wirken ist nicht von Segen, weil ihr Herz nicht dabei ist, weil sie, wenn es die Förderung einer wirklich guten Sache gilt, sich hinter allerlei Bedenken verschanzen und nur, wenn es sich um Nichtiges und Nebensächliches handelt, mit vollen Händen spenden, als wollten sie es absichtlich darauf anlegen, daß ihre Gaben für nutzlose und überflüssige Dinge verwendet werden. Wahre Tugend, echter Edelsinn, unverfälschte Gerechtigkeit, lebendige Begeisterung für das Gute und Hohe ist nur da vorhanden, wo in dem Menschen das Göttliche vorwaltet, wo die wahre Religion, der geisterweckende Gottessinn

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