Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-06-01 · Heft 6 (1.6.1889) · p. Seite 123

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 6 (1.6.1889)
Date
1889-06-01
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969768-2969775--2592-2972781
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

123 Genügsamkeit voran, damit es uns klar werde, daß das reine und innige Gottesbewußtsein die eigentliche Grundlage aller Tugend und Gerechtigkeit sei. Wo das Gottesbewußtsein fehlt und an seine Stelle die Gottlosigkeit tritt, da ist auch kein Boden mehr vorhanden für den rechten Tugendsinn und Edelsinn, der nur das Gute anstrebt und von dem Bösen sich wegwendet und fernehält. Es sucht zwar auch der Gottlose den sittlichen Antrieben, die in dem menschlichen Wesen wurzeln, gerecht zu werden, gewissen Pflichten, die er der Menschheit gegenüber zu haben glaubt, aus freien» Willen nachzukommen, aber es ist sein Herz nicht dabei, es ist sein Denken nicht darauf gerichtet, er fragt nicht, ob seine gute That auch einen guten Zweck hat, es ist kein ernstes zielbewußtes Streben, das in seinen guten Thaten ihn leitet, er ist unfrei in solchem Wirken, aus sich selbst würde er überhaupt nicht dazu kommen, er muß erst von anderen dazu angeregt und aufgefordert werden, es ist zumeist nur das bereits gegebene Beispiel für ihn maßgebend, es ist zumeist nur die sich darbietende Gelegenheit, . durch die er sich zur Ausübung guter Werke veranlaßt sieht, und auch da nimmt er sich gar nicht die Mühe, zu prüfen und zu unterscheiden zwischen einem rechten segensvollen Zwecke und zwischen einem nur gemachten gekünstelten Bedürfnisse, das man in die Höhe zu treiben sucht, um das wahrhaft Gute zu beseitigen und zurückzudrängen. Es ist das der Fluch, der der Gottlosigkeit anhaftet, daß selbst das Gute, das in ihrem Kreise hervortritt, immer die Spuren menschlicher Mangelhaftigkeit und Unvollkommenheit an sich trägt und dadurch oft nur mit dem besten Willen das Böse und Verwerfliche gefördert wird. Als Israel seinen Gott verlassen, seine Wahrheit verloren, seinem Glauben untreu geworden war, als es von seiner geistigen Höhe gesunken und so tief herabgekommen war, daß es für das Höhere kein Verständnis mehr hatte und nur noch an dem äußeren Schein und Blendwerk Wolgefallen fand, da war ihm alles gut genug, um es zu fördern und zu verherrlichen. Man wollte ein goldenes Kalb anfertigen, das Gußbild des ägyptischen Tiergottes im Lager Israels aufstellen, weil manche da waren, die immer noch nach Aegypten sich zurücksehnten und man gab und spendete mit vollen Händen, die Frauen nahmen ihre goldenen Ohrringe und brachten sie dem Priester, damit das angestrebte Werk nur ja zur Ausführung gelangte. Man wußte ganz wohl, daß ein Götzenbild kein Gott ist, sondern ein Werk, das Menschenhände gemacht, man wußte, daß hier nur Trug und Frevel geplant werde, aber man fragte nicht weiter danach, es wurden Gaben gefordert, und man spendete, zu welchem Zwecke? — das war Nebensache. So war man von der Gottlosigkeit zum Götzentume übergegangen, so hatte der Unglaube Mr das Werk des Aberglaubens gefördert und war mit einem Eifer, der einer besseren Sache würdig gewesen wäre, eine That vollführt worden, die viel Unheil und Verderben angerichtet und zur Schmach dasteht für alle Zeiten. Ist kein Gott mehr in Israel, so sprach Moses in seinem Herzen, dann giebt es da auch keine Tugend, keine Gerechtigkeit, keine Wahrheit, keine Religion, dann ist auch das Gute, das sie thun, nur zum Schlechten, und ehe er seine Lehre sollte verfälschen lassen, lieber sollte sie erlöschen und untergehen und so nahm er denn die beiden Gesetzestafeln, auf denen die Worte verzeichnet waren, und warf sie zur Erde hin, daß sie in Trümmer giengen und in Staub zerfielen. Gin Judentum, das seinen Grundgedanken verleugnet, ein Judentum ohne Gott, ein Judentum, in welchem der lichte Geist unterdrückt und nur dem leeren Scheine und Wahne gehuldigt wird, ein Judentum, in dem keine höhere Ordnung anerkannt und Alles dem menschlichen Belieben und Gutdünken unterworfen ist, hat sich seines 11

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.