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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-06-01 · Heft 6 (1.6.1889) · p. Seite 122

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 6 (1.6.1889)
Date
1889-06-01
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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122 und Sitte längst hinausgekommen sein sollten, noch immer mit heiliger Verehrung und Bewunderung jener zehn Aussprüche gedenken, die uns mit solchen allein nur bekannt machen und uns fast nur das sagen, was jeder von selbst weiß, ohne daß er es zu lernen braucht? Wozu brauchen wir, nachdem der Menschheit im Laufe der Jahrtausende immer höhere Gebiete des Wissens, immer weitere Pfade der Einsicht sich erschlossen haben, noch nach jener alten Quelle der Belehrung uns umzusehen, aus der wir ja doch keine neue Kenntnis mehr zu schöpfen vermögen? Wozu feiern wir in einem Zeitalter, das eines so ausgedehnten Geislesfortschrittes sich rühmen darf, noch den Tag der Gesetzgebung vom Sinai, da diese ja an und für sich nur einige einfache und allgemeine Lehren in sich faßt, die man als etwas Selbstverständliches ansehen kann? Wir wollen doch, wenn wir dieses Fest feiern, damit nicht etwa nur einem alten Herkommen gerecht werden, sondern auch durch einen klaren Erkenntnisgrund uns dazu bewogen und aufgefordert fühlen, die Festesfeier in tiefbegründeter Teilnahme des Geistes und des Herzens begehen. Die Fragen, die ihre Berechtigung in. Zweifel ziehen, möchten wir um so weniger von uns abweisen, als sie das Grundgesetz unserer Religion betreffen und ihre Beantwortung durchaus geboten ist, wenn es in unseren Augen auch heute noch das Ansehen haben soll, das für dasselbe gefordert und beansprucht wird. So wollen wir denn den leitenden Gedanken der bei Sinai verkündeten Lehre und dann den geschichtlichen Boden, auf dem sie zu Stande gekommen ist, uns veranschaulichen und es wird durch diese Betrachtung uns klar .werden, daß wir stets mit vollem Rechte auf die Unentbehrlichkeit und Unübertrefflichkeit dieser Lehre Hinweisen können, daß wir gerade in unserer Zeit alle Ursache haben, das Fest zu feiern, das an ihre Einsetzung uns erinnert und die Mahnungen, die es an uns richtet, zu beachten und zu befolgen. Den leitenden Gedanken, der den Lehren und Mahnungen, die einst am Sinai verkündet worden sind, zu Grunde liegt, der ihnen die innere Stütze verleiht und durch sie zur ausdrucksvolle« Gestaltung und lebensvollen Geltung gelangen will, brauchen wir nicht lange zu suchen. Er ist klar und deutlich ausgesprochen in dem Satze, der die Reihe der Zehngebote eröffnet, in den wenigen Worten „ich bin der Ewige dein Gott, der dich herausgeführt hat aus dem Lande Aegypten, aus dem Hause der Knechtschaft." Auf den ersten Blick hin ist eigentlich in diesem gar wenig zu finden. Er verweist auf eine Thatsache des Bewußtseins, nämlich auf den Glauben an das Dasein Gottes und auf eine Thatsache der Geschichte, auf die Erlösung aus Aegypten, ohne daß für jenen Glauben Gründe und Beweise dargeboten und jenes Ereignis in feiner ganzen großen Bedeutung geschildert wird. Es bedarf aber gar nicht künstlicher Deutungen und weithergeholter Auslegungen, um zu erkennen, daß hier mit diesen Worten viel mehr gejagt werden joll, als wir in ihnen zu finden glauben. Wir können ganz gut an ihrem buchstäblichen Sinne festhalten und brauchen dabei nur die Stelle ins Auge zu fassen, die dieser Ausspruch in der Reihe der zehn Gebote einnimmt, und es wird uns sofort klar werden, daß er den erhabensten und edelsten Gedanken in sich faßt, den die Menschheit besitzt, eine Lehre, die, obwohl sie von außerordentlicher Wichtigkeit ist und gar tief ins Leben eingreift, doch nur dem Judentum allein angehört und sonst nirgends-' wo in solch unzweideutiger Weise kundgegeben worden ist. Es steht dieser Ausspruch an der Spitze der zehn Gebote und geht all' den Lehren über Selbstwürde, Herzenstreue, Menschenliebe, Wahrhaftigkeit, Keuschheit, Gerechtigkeit.

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