Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1889)
- Date
- 1889-05-01
- Page
- Seite 115 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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115 Für die jüdischen Arbeiter werden jeden Samstag in London Reden gehalten. Jüngst sprach Herr Dr. Hermann Adler über die Arbeiterfrage und betonte, wie er sich freue, daß man die Lage der Arbeiter verbessern wolle. Doch mögen sie sich vor jenen „Weltverbesserern" hüten, welche die Arbeiter nur für ihre wilden Theorien ausbeuten wollen und unter der Maske von Menschenliebe nur Haß und Feindschaft predigen. Von Erfolg scheint diese Rede nicht gewesen zu sein, denn in London wollten am 16. März viele Tausende jüdischer Arbeiter, Russen und Polen, in die vulres Place Synagoge eindringen, nachdem sie durch die Straßen mit Blechmusik und Trommeln gezogen waren. Die Polizei hinderte sie daran. Der Almemmor war mit Bewaffneten umringt. In der Synagoge predigte Rev. Meisels. Den Zug der Unzufriedenen eröffnete ein Arbeiter, der eine große schwarze Fahne trug mit einer englischen Inschrift, die übersetzt lautet: Jüdische Arbeitslose — Opfer des Schwitzsystem — Arbeit ohne Brod. Auf der Rückseite stand: Arbeiten soll jeder — zuviel arbeiten keiner. — Am.13. Januar hielt Herr vr. H. Kehrend im „Jews College“ in London einen zweistündigen Vortrag über „das erste Christentum". Er betonte, daß das Christentum in seiner frühesten Jugend nur eine jüdische Sekte war, daß Jesus und seine Jünger gesetzestreue Juden waren und daß die Häupter der christlichen Gemeinde durch mehrere Jahrzehnte Juden durch Geburt waren und blieben. — Am 8. Februar starb in London Lady Anna Maria Goldsmid, Tochter des sel. Sir Ifaar L. Goldsmid, im Alter von 84 Jahren. Sie war von tiefer Religiosität beseelt und Mitglied der Reformgemeinde. Es war im Hause ihres Großvaters, den der König Georg III. als seinen guten „Freund Abraham" kennzeichnete, wo Lord Nelson und der König bewirtet wurden. Ihr Großvater und ihr Vater Sir Jsaac Lyon Goldsmio sammelten die bedeutendsten Zeitgenossin um sich. Sir Jsaac Lyon Goldsmid war der Urheber der Bewegung im Erziehungswesen, welche die Gründung der Universität von London zur Folge hatte. Ihr Bruder, Sir Francis Goldsmid, war lange der einzige Jude im englischen Unterhaus, der die Sache seiner Glaubensbrüder auf dem Kontinent befürwortete. Miß Goldsmid hatte zum Lehrer der englischen Litteratur den Dichter Robert Campbell; sie besaß außerdem eine ausgezeichnete Kenntnis der deutschen, französischen und italienischen Litteratur. Zu ihren Jugendfreundinnen zählte sie die Harnet Martineau und Miß Mitfort und in ihrem Haus St. Johns Lodge im Regents Park traf man Lord Brougham, Clarkson, Crabbe, Robinson, Robert Owen, C- P. Villiers u. A. m. Der Komponist Mendelssohn war ihr Freund. Bis zum Tage seines Todes unterhielt sie freundschaftliche Beziehung mit Sir Moses Monte fiore und noch im Jahre 1884, kurze Zeit vor seinem Dahinscheiden, besuchte sie ihn in Ramsgate auf seinen ausdrücklichen Wunsch. Ihr ganzes Leben hindurch verfolgte sie zwei Ziele: die Förderung des Erziehungswesens und die Hebung des geistigen Lebens in ihrer Religionsgenossenschaft. Es war ihr fester Glaube, daß die Frauen dazu berufen seien, an der Aufrechterhaltnng des jüdischen Glaubens einen thätigen Anteil zu nehmen. Da diese Ansicht von den damaligen Führern der Synagoge nicht geteilt wurde, trat eine kleine, aber einflußreiche Zahl von Juden aus und beteten den Gott ihrer Väter in der Synagoge in Burtonstreet an. Sir Francis Goldsmid war die Seele dieser Gemeinde bis an sein Lebensende. Seine Schwester ging Hand in Hand mit ihm in dieser Lebensaufgabe, sowie in seinen anderen öffentlichen Bestrebungen. Sie hat Weisung gegeben, daß auf ihrem Grabstein eingegraben werde, daß sie eines der ursprünglichen Mitglieder der 10*