Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1889)
- Date
- 1889-05-01
- Page
- Seite 108 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2969768-2969774--2574-2972762- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
108 Stammes- und Glaubensgenossen in den Augen der Nationen groß wissen wollte. Er wurzelte eben in einer Zeit der Kompromisse, in einer Zeit, in der Paulus gelebt, der von sich in seinem Briefe an die Korinther sagt: „Ich habe mich allen gefügt, um Viele zu gewinnen, den Juden bin ich Jude gewesen, um Juden zu gewinnen; denen unter dem Gesetze Einer unter dem Gesetze; denen ohne Gesetz Einer ohne Gesetz, den Schwachen ein Schwacher, Allen bin ich alles gewesen/") Keiner aber ist geeigneter, als Paulus den Charakter jener Zeit zu verkörpern. Auch R. Jochanan b. Saccai, den Niemand jemals der Untreue gegen Israel angeklagt hat, stand auf Seiten Rom's; er schuf aber aus dem Talmudismus heraus seine Idee von der Neugestaltnng des Judentums, während Josephus sie aus der Geschichte, aus dem Wissen der Zeit geschöpft; Jochanan b. Saccai ward der einflußreichste und bedeutendste Talmudlehrer seiner Zeit; Josephus aber war der erste moderne Jude, der mit Bewußtsein das nationale Judentum von dem ewigen Gesetze sonderte; seine Kombination ruhte auf dem Kompromisse von geschichtlicher Notwendigkeit und der Unerschütterlichkeit und Ewigkeit des von Gott geoffenbarten und von Israel durch alle Zeiten getragenen Gesetzes. Und diesem gehört die Zukunft der Menschheit! Ihm und mit ihm der Menschheit wollen wir leben! In allem Kampfe und in allem Leid, in aller Sorge und Arbeit wollen wir der Hoffnung bleiben: „Und voll wird die Erde der Erkenntnis des Herr», wie Wasser bedecket des Meeres Grund." Wendeksfohn-Slistung zu Leipzig. XXVI». ordentliche Generalversammlung. Ehedem hat Sokrates sich bemüht, das Streben nach geistiger Nahrung dem Streben nach körperlicher Nahrung zur Seite zu stellen — und Mendelssohn, der in seiner Zeit „der dentsche Sokrates" genannt wurde, übte diese Lehre in gleichem Maße, suchte jedoch den Weg zum Besseren darin zu finden, daß er die Kreise, in welchen er lehrend Einfluß übte, auf die eigene Besserung verwies, während er in seinem „Jerusalem" auf die staatsbürgerliche Pflicht und auf die Treue im Dienste seiner Mitmenschen hingedeutet hat. Im Sinne und im Geiste jenes edlen Menschenfreundes fand am 24. Febr. im großen Sitzungssaal« der Synagoge die 28. ordentliche Generalversammlung der Stiftung statt, welche mit dem Namen des wohlmeinenden Lehrers auch die vielbewährte Lehre 28 Jahre hochzuhalten wußte und die thatkräftige Unterstützung aller Edeldenkenden wohl verdient. Wenn Kunst und Wissenschaft mit Recht die Förderung durch geistige und materielle Hilfe beanspruchen, so ist es eine um so höhere Pflicht, wenn es gilt, der Würdigkeit und der Bedürftigkeit Stütze zu bieten und dadurch der Menschheit vorwärts zu helfen, indem durch „Können und Wissen" nützliche Arbeitskräfte dem Staate und der Gesellschaft erzogen werden. Der Vorsitzende, Herr Finkelstein, eröffnete die Versammlung mit einer eingehenden Betrachtung der edlen Ziele, welche sich die Mendelssohn-Stiftung bei ihrer Gründung gestellt hat. Geistige und materielle Wohlthätigkeit bestimmt ') I. Korinther 8, 19 ff.