Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1889)
- Date
- 1889-05-01
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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107 bietet. Die gegenseitige Liebe (homonoia) ist eilteder herrlichsten Charakterziige des jüdischen Volkes, der Bewunderung und Nacheiferung der Völker wert.') Frömmigkeit ist genaues Einhalten aller Gesetze; sie ist nicht wie die Frömmigseit der griechischen Weltweisheit ein Teil der Tugend, sondern die Tugend selbst; sie ist alles in allem: Gerechtigkeit und Liebe, Geduld und Besonnenheit und alle Thätigkeiten, Forschungen und Unterredungen, haben auf sie Bezug?) Eine Lüge ist es, wenn von uns gesagt wird, als ob wir bei Gott schwörten, den Schöpfer des Himmels und der Erde und des Meeres, keinem Fremden wohlgesinnt zu fein3) — wer auch immer zu uns kommt und unter demselben Gesetze wie wir leben will, er wird von uns freundlich ausgenommen; denn die Verwandtschaft besteht nicht blos im Geschlechte, sondern auch in der Richtung des Lebens^) — unser Gesetz lehrt Gerechtigkeit auch gegen den Ausländer; es schreibt vor, Allen, die es bedürfen, Feuer, Wasser, Nahrung zu gewähren, die Wege anzusagen und keinen Toten unbegraben zu lassen. Auch unsere Beschlüsse gegen Feinde sollen gerecht sein. An Kriegsgefangenen darf kein Frevel geübt werden; selbst gegen das unvernünftige Tier sollen wir milde sei»; flieht es hilfesuchend zu unserem Hause, dann dürfen wir es nicht töten, ebensowenig ein Junges mit seinen Eltern zugleich") Aber die Juden haben nicht blos ein Gesetz, sondern sie leben auch in ihm» ihr ganzes Leben ist ein Gottesdienst;") sie haben das Gesetz von je gehalten und nicht das Wohlleben im Frieden und nicht die Not des Krieges haben sie davon abzubringen vermocht') — die Wahrung des Gesetzes und der Frömmigkeit gegen Gott haben sie stets der eigenen Rettung und dem Vaterlande vorgezogen; 8) alle Standhaftigkeit und Schmerzensverachtung griechischer Helden ist im Vergleiche zur Festigkeit, mit der die Juden an ihreni Gesetze halten, ungleich geringa); ob uns auch Reichtum, Städte, alle Besitztümer genommen werden, unser Gesetz ist unsterblich; ja, das Wunderbarste ist, stärker als alle Sinnenreize hat es sich unzerstörbar festgesetzt und wie Gott durch die ganze Welt sich erließet, so schreitet es selbst durch die Menschheit?") Es gibt nur Einen Gott; er beherrscht alles als vollkommen und glücklich; ihm müssen wir Alle durch Uebung der Tugend folgen — das ist die frömmste Weise des Gottesdienstes. Opfer kann nur der Priester im Heiligtum darbringen, aber zu Gott beten kann Jeder. Bei dem Opfer müssen wir erst für das allgemeine Wohl beten, dann für unser eigenes; denn zur Gemeinschaft sind wir geboren und wer diese seinem persönlichen Vorteile vorzieht, ist Gott am angenehmsten.") So entwirft Josephns ein herrliches Bild von Israel und seinem Glaubensleben, selbst das Wunderbare stellt er in milder Dämmerung dar, daß es auch dem gewöhnlichen Menschenverstände zugänglich wird; er verbindet positiven Glauben mit klarem Denken; er ist gläubig und doch auch freisinnig; er dringt auf die Beobachtung der Ceremonialsatzungen, wirkt aber niemals abstoßend auf den Verstand. Dürfen, wollen wir ihn. als Verräter seines Volkes und Vaterlandes hinstellen? Nein! Ob er auch keine heroische Gestalt war, geneigt und befähigt, was das römische Lied gesungen: „Süß ist's und herrlich, für's Vaterland zu sterben" in That umzusetzen; er war doch ein warmer Jude, bei: seine ») Bell. 2, 8, 14; *> Ap. 2, 16: ») ib. 2, 10; *) ib. 2, 28; °) ib. 2, 29; °) ib. 2, 22; 7) ib. 1,22; 8) ib. 2, 31, 32; 8) ib. 2, 39; <») ib. 2,22; “)ib. 2,29.