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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-05-01 · Heft 5 (1.5.1889) · p. Seite 106

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 5 (1.5.1889)
Date
1889-05-01
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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106 Herren und selbst in dem leichtsinnigen Rom war nur der Pöbel, der in Brod und Spielen sein Lebensglück sah, judenseindlich; hingegen fühlte sich die bessere Welt, namentlich innerhalb des weiblichen Geschlechtes, von den Lehren des Judentums an gezogen — die bereits genannte Kaiserin Poppäa wird als Judengenossin bezeichnet, deren Bestattung nach jüdischem Ritus vor sich gegangen sein soll. So begreifen wir es, daß Seneca kurz vor seinem Tode klagte, die Juden in allen Ländern gewännen die Oberhand und die Besiegten legten den Siegern das Joch auf. Aehnlich äußert sich auch Josephus'): „Wenn die Juden auch nicht die Vortrefflichkeit ihrer Gesetze einsehen würden, so müßten sie doch die Menge ihrer Anhänger, die sie gefunden, auf diese stolz machen; denn kaum gibt es eine griechische oder barbarische Stadt, in der nicht die Sitte der Sabbatfeier sich Bahn gebrochen, jüdisches Fasten, das Lichtanzünden und die Speisegesetze sich nicht eingebürgert hätten." Hatten aber jene Fremden, die sich dein Judentum anschlossen, mit dem Glauben auch die Nationalität der Juden angenommen? Nein, Poppäa blieb, ob sie auch als Judengenossin galt, eine Römerin. Was demnach das Christentum als Verdienst für sich in Anspruch nimmt, das Völkerleben durch den Glauben geeint zu haben, das hatte bereits früher das Judentum ermöglicht; Griechen sowohl wie Römer, Babylonier wie Perser konnten als solche auch Juden sein. Aus dieser Thatsache ergab sich aber für Josephus nicht blos die Idee, das Judentum sei zur Weltreligion bestimmt, sondern auch die Richtung betreff der künftigen Stellung der Juden im Völkerleben. Bedingte das Judentum keine bestimmte Nationalität, dann bilden die Juden allenthalben integrirende Bestandteile des staatlichen und städtischen Gemeinwesens, in dessen Mitte sie leben, ob sie auch in religiösen Dingen, betreff ihrer Verheiratung und in ihrem privaten Leben von den andern verschieden sind. Die Juden in Alexandrien, sagt Josephus, sind Alexandriner, die in Antiochien sind Antiochier, überall tragen sie denselben Namen, wie die dort Entstammten*). Josephus war der Erste, der das so oft mißverstandene Wort „Theokratie“, Gottesherrschaft, für das religiöse Gesammtleben Israels gebraucht — ihm ist das Judentum weniger Religion, als Gesetz, eine Anschauung, die bekanntlich Mendelssohn wieder aufnahni. Der Begriff Religion war im Zeitalter Nero's, der selbst ein Religionsverächter war, zu stark verpönt; hingegen lag in dem Gesetze die Macht Rom's; es galt nun den Völkern zu zeigen, wie alt und bewährt das Gesetz Jsrael's sei und wie es allein die richtigsten und natürlichsten Lehren über Gott und göttliche Dinge enthalte?) Unter allen Gesetzgebern, führt Josephus zu diesem Zwecke aus, ist Moses der erste — Homer kennt noch nicht einmal das Wort „Gesetz" — und so ist auch das jüdische Volk das älteste, das gesetzmäßige Ordnung als Grundlage alles Gemeinwesens hingestellt hat?) Die Seele des jüdischen Gesetzes ist das Recht, das die Besten der Menschheit im Auge haben und das seinen Dienern Teilnahme für Alles ge- *) Ap. 2, 4; vgl. Philo (gegen Flaccus § 7) „bie Juden halten zwar die heilige Stadt, da sich in ihr der Tempel des höchsten Gottes befindet, für die Metropole, aber das Land, in dem sie seit der Väter und Vorväter Zeiten ihren Wohnsitz haben, in dem sie geboren und erzogen wurden, nennen sie ihr Vaterland." 3) Ap. 1, 14. 3) Ap. 2, 15.

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