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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-05-01 · Heft 5 (1.5.1889) · p. Seite 105

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 5 (1.5.1889)
Date
1889-05-01
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
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105 gehen, uns kümmert nicht das Vaterland; Gott hat noch die Welt, die ein besserer Tempel als dieser hier ist." Worauf stützte sich aber sein Gedanke, das Judentum sei zur Weltreligion bestimmt? Wir könnten allerdings auf die Hoffnung der Propheten Hinweisen, daß voll wird einst die Welt der Erkenntnis Gottes, wie Wasser des Meeres Grund decket; allein Josephus war ein Mann des praktischen Gedankens, aus den Zeitverhältnissen erschloß er sein-Verhalten und Denken. So zersetzend auch das wüste Treiben Nero's auf Rom einwirkte, so ließ es doch einen Gedanken reifen, der nicht ohne Bedeutung für die Zeit gewesen. Zu gering war für Rom das kleine Heimatsland; seine Faust ballte es gegen alle Welt, die Früchte aller Zonen wollte es genießen, die Herrschaft über alle Völker in seiner Hand vereinigen. Bewußter wurde dieses Streben in Nero; er war kein engherziger Nationalpolitiker, er war ein Kosmopolit, dessen Ideal die Weltherrschaft durch die Politik gewesen. Deshalb begünstigte er auch Griechenland's Sprache und Leben, weil er in ihnen die Vermittler des Morgenlandes mit dem Abendlande sah. War nun die Sprache der Griechen in Rom die herrschende geworden; warum sollte nicht, so mochte Josephus denken, die Lehre des Judentums dieselbe Stellung daselbst einnehmen können? Und zwei geschichtliche Thatsachen unterstützten diesen Schluß. Zunächst war die Entnationalisirung der Juden lange vor der Zerstörung Jerusalem's kräftig angebahnt — in Babylon, Syrien, Griechenland und Alexandrien waren bei weitem mehr Juden, als im Mutterlande und allenthalben hatten sie sich in Sprache und Sitte den Landesbewohnern angeschlossen. Namentlich deutlich trat dieses in Alexandrien zu Tage. Dort herrschte die griechische Sprache nicht blos im Verkehrsleben, sondern sie hatte auch'die hebräische Sprache fast gänzlich aus der Synagoge verdrängt; dort entstand die griechische Bibelübersetzung, sowie eine bedeutende jüdisch-griechische Litteratur, in der Homer und Moses Hand in Hand gingen; ja, die dortigen Juden hatten konsequenterweise ihre Loslösung vom Stammlande am deutlichsten dadurch bekundet, daß sie, um den Tempel zu Jerusalem entbehrlich zu machen, nach dessen Muster in der von ihnen bewohnten Stadt ein Heiligtum erbauten. Aber auch in Palästina ging der Entnationalisirungsprozeß, wenn auch unbewußt, allmälig vor sich. Jerusalem erhielt im Laufe der Zeit eine mehr symbolische Bedeutung, an seine Stelle trat das himmlische Jerusalem, dessen Schattenbild nur das irdische warl); an die Stelle des Heiligtums trat das Haus, der Tisch galt als Altar und das Brod, das im Hause gebrochen ward, als Opfer — der Glaube hatte sich durch die Wandlung der Zeit in sein Innerstes zurückgezogen und dieses hat ihm trotz tausendjährigen Druckes Stetigkeit und Erhaltungsfähigkeit verliehen. Aber noch ein zweiter Moment weckte in Josephus den Gedanken, das Judentum sei zur Weltreligion bestimmt. Die Lehre Israels hatte unter den Völkern bei weitem mehr Anerkennung und Verbreitung gefunden, als wir anzunehmen geneigt sind. Längst schon war der idumäische Volksstamm im Judentum aufgegangen; das Königshaus zu Adiabene mit der frommen Königin Helena an der Spitze hatte sich aus Ueberzeugung ihm zugewandt; in Damaskus bekannten es fast alle Frauen der Rats- *) Ta«. 5a; B. batr. 75a.

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