Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1889)
- Date
- 1889-05-01
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
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104 am Ende gelang es: der Rabbi stand vor dem römischen Feldherrn und gewann bald seine Gunst, da er ihm, gleichwie Josephus dies getan, weissagte, er werde einst die Krone Rom's tragen. Der Feldherr wollte sich dem Rabbi gnädig erweisen und gewährte ihm die Bitte, in Jamnia ein Lehrhaus errichten zu dürfen?) Mißbilligend erwähnt dieses der Talmud, er hatte mit Recht erwartet, oer Rabbi werde für Jerusalem und sein Heiligtum eintreten; allein R. Jochanan blickte weiter; längst schon sah er das Geschick der heiligen Stadt besiegelt — 40 Jahre vor der Zerstörung soll er bereits gerufen haben: „Tempel, Tempel, dein Untergang ist nahe!''2) Als Jerusalem gefallen war, bemächtigte sich Trauer und Verzweiflung der Gemüter; die Einen wollten nimmer Wein trinken, weil kein Gießopfer mehr den Altar netzet und die Anderen mochten kein Fleisch genießen, da kein Opfer mehr dargebracht werden konnte;^) Jochanan b. Saccai aber ging mit ungebrochenem Mute an die Arbeit für die neue Zeit; er war der festen Ueberzeugung, daß das Judentum unabhängig von Jerusalem sei und die Bürgschaft seiner Erhaltung in sich selbst trage. Als sein Schüler R. Josua beim Anblicke der Trümmer der Heiligtümer bitter weinte, sprach der Meister: „Laß dich's nicht verdrießen, mein Sohn, noch besitzen wir Mittel, die den Tempel aufwiegen: Liebeswerke und der Gotteslehre Geist sind unser ewiges Leben!"4) Und auf demselben Glauben ruhte auch die religiöse Anschauung des Josephus. Gebrochen war das jüdische Volk, fest wurzelte aber in ihm der Glaube an die Zukunft des Judentums und gerade das ist unseres Dafürhaltens der festeste und unerschütterliche Gegenbeweis gegen alle Anklagen, die wider ihn erhoben werden. Wer so treu wie Josephus am Judentum hing, kann kein Verräter an den Juden gewesen sein. Das Unglück der Juden war sein Unrecht. Es bleibt eine herrliche That, die er vollführte, daß er dem zu Boden getretenen, der Vernichtung preisgegebenen Volke, das vom Pöbel gehaßt, von den Vornehmen verachtet, von den Gebildeten verspottet, von Allen verkannt war, aufs Neue das Bürgerrecht in der Geschichte zu erstreiten suchte; daß er die Tiefe des Judentums, das allgemein als Aberglaube verschrieen war, vor aller Welt darlegte, ohne auch nur das Geringste von seiner Eigentümlichkeit preiszugeben. Der Stolz des römischen Burgers erdrückte nicht den Juden in ihm; sein größerer Stolz war, ein Jude zu sein und als solcher fühlte er. In seinen Altertümern widerlegt er alle Fabeln und gehässigen Anschauungen, die Unwissenheit und Leichtfertigkeit in Umlauf gesetzt und in seiner Streitschrift gegen den Judenfeind Apion kämpft er mit den Waffen der Wahrheit und der Ironie für die Ehre seines Volkes und seine geschichtliche Stellung im Völkerleben. In Josephus lebt die feste Ueberzeugung, daß der Gott Jsrael's, ob auch sein Heiligtum zerstört ist, die Welt erobern und das Gesetz Jsrael's das Gesetz der Völker wird — das Judentum ist ihm die Lehre der Menschheit, die Weltreligion schlechthin?) Diesen Gedanken legt er auch den Verteidigern Jerusalem's in den Mund, da er sie die Worte sprechen läßt: „Sollen wir auch unter- *) Gittin 56 a; vgl. Ab. R. Nat. e. 4; Echa r. zu 1, 5. *) Joma 89 b. s) Tosifta Sota 15; B. batra 60 b. *) Ab. R. Nat. c. 4. ») Bgl. Ap. II, 41; Ant. IV. 6, 4; bell. II, 16, 4;. IV, 5, 2; VII, 3, 3.