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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-05-01 · Heft 5 (1.5.1889) · p. Seite 103

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 5 (1.5.1889)
Date
1889-05-01
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
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103 — Allein fassen wir die Situation, in der sich Josephus befunden, ernstlich - in's Auge und die Haltlosigkeit auch dieser Anklagen wird sich uns ergeben. Er war einmal der Gefangene Rom's und als solcher mußte er in Allem, was von ihm verlangt wurde, so sehr sich auch sein Herz dagegen sträuben mochte, willig folgen. Vergebens bat er Titus zu wiederholten Malen, ihn mit Aufträgen an seine Volksgenossen zu verschonen. Rom verstand es allezeit, seine Liebe sich bezahlt zu machen. Zudem hoffte er durch Gefügigkeit die Gunst des Machthabers zu erlangen und durch diese seinem Volke nützen zu können. Thatsächlich gelang es ihm auch, Vielen, die zum Tode verurteilt waren, das Leben zu retten, Anderen ein günstigeres Schicksal zu erwirken. Nach mannigfacher Angabe soll Titus zu wiederholten Malen, die Absicht geäußert haben, des Heiligtumes zu schonen; wir gehen nicht fehl, wenn wir diese Absicht den Bemühungen und dem Einflüsse des Josephus zuschreiben. Er stand in Roni an der Seite des Siegers, als die Gefangenen Jerusalems den Sieg der rönüschen Legionen zu verherrlichen gezwungen waren; allein wer vermag es zu sagen, was zu jener Stunde in seiner Seele vorging I Noch nach Jahren klingt in seiner Vorrede zum jiidischen Kriege die trübe Stimmung seines Herzens nach, ihr wollte er ein kleines Opfer bringen und seiner Wehmut erlauben, eine Zähre über das harte Schicksal seines Volkes zu weinen „scheint mir doch, schreibt er an genannter Stelle weiter, scheint mir doch jedes Unglück, das, solange Menschen leben, eine Nation getroffen, nach gehöriger Vergleichung, dem, was die Juden erlitten, nicht nahe zu kommen." Aber er war auch nicht der Einzige, der, weil der Ueberzeugung, Rom müsse siegen, zum Frieden riet; gleich ihm ahnten alle gemäßigten Elemente das Unglück, das mit furchtbarer Notwendigkeit über das schwergeprüfte, durch Parteileidenschaft zerwühlte Volk hereinbrechen mußte. Allein die Schreckensherrschaft der Eiferer und Dolchmänner, die an die Greuel der großen französischen Revolution, an die Kommune im deutsch-französischen Kriege erinnert, vernichtete schon im Keime jeden ruhigen Gedanken — mit tausend Augen wachten die Eiferer über die Vorgänge und wer ihnen verdächtig erschien, ward unschädlich gemacht. Kein Geringerer, als R. Jochauan b. Saccai, „die Leuchte Israels, die Säule und Stütze des Volkes", „der Vater der Weisheit und der Vater kommender Geschlechter", wie ihn der Talmuds nennt, weil er auf den Trümmern des vernichteten Staatslebens den Aufbau des neuen, nach Innen gekehrten Lebens innerhalb des Judentums begonnen; kein Geringerer stand gleich Josephus auf Seiten der Römer unb es ist nicht uninteressant zu bemerken, wie der Talmud diesem gefeierten Lehrer dieselbe Rolle zuschreibt, die an Josephus allgemein getadelt wird. R. Jochauan b. Saccai ermahnte und forderte das Volk zu wiederholten Malen auf, die Stadt den Röniern zu übergeben und da seine Stimme erfolglos verhallte, suchte er Mittel und Wege, nm mit dem Feinde in Verbindung zu treten; allein die Wachsamkeit der Eiferer erschwerte dieses; er ersann daher eine List, die seine Absicht ermöglichen sollte — seine Schüler sollten ihn totsagen und in einem Sarge aus der Stadt tragen. Auch diese List wäre beinahe an der Wachsamkeit der Wachtposten gescheitert, allein die Schüler flehten gar sehr, die Bahre ihres Meisters ungestört aus der Stadt tragen zu dürfen Md ') Jerus. Red. 89 b; Ber. 28 b.

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