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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-05-01 · Heft 5 (1.5.1889) · p. Seite 102

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 5 (1.5.1889)
Date
1889-05-01
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 Rasch folgte nunmehr die Eroberung Galiläa's, der Weg nach Jerusalem war frei. Allein die verwickelten politischen Verhältnisse Rom's gewährten dem jüdischen Volkstum noch eine Fristverlängerung. Die Weissagung des Josephus eilte schnell ihrer Erfüllung entgegen. In einem Wahnsinnsanfalle tötete sich Nero. Ihm folgte Galba. Diesen lösten Otho und Vithellius rasch ab. Endlich ward Vespasian von seinen Legionen zum Kaiser ausgerufen. Erst im Frühjahr 70 rückte der nunmehrige Thronfolger Titus an der Spitze von 80,000 Mann gegen Jerusalem vor. Hier hatten sich zu jener Zeit etwa 2 Millionen Menschen zusammengefunden, von denen die Meisten gekommen waren, um das alte Fest nationaler Freiheit, das Passahfest, nach alt gewohnter Vätersitte — es war zum letzten Male — zu feiern. Mit der Menschenmenge wuchs das Elend. Immer enger ward die Stadt umschlossen, immer größer ward die Mot, immer hörbarer ward das Röcheln des verendenden Volkskörpers; allein nicht Hunger und Durst, nicht das tückisch schleichende Heer der Krankheiten waren im Stande, das Pflichtgefühl und die Todesverachtung in dem Kampfe, der Tag und Nacht geführt wurde, zu schwächen. Mit Bewunderung, ja mit Schaudern sahen die römischen Soldaten auf die hohläugigen Gestalten, die, vom Hunger gebleicht, gleich Löwen kämpften, und von Bewunderung dieses Heldenmutes getrieben sollen viele der Heiden sich dem Judentume angeschlossen haben. Gerne hätte Titus, dessen Heer empfindliche Verluste erlitt, Frieden ge-- schlossen. Dem Josephus übertrug er die undankbare Mission, die Juden für den Frieden zu gewinnen; allein eine däinonische Begeisterung hatte sich der Kämpfenden bemächtigt — sterben wollten sie, nur nicht das Joch der Römer tragen. Am 10. Ab. machten sie noch einen Ausfall; sie wurden zurückgeschlagen. Die Römer rückten vor. Ein furchtbares Gemetzel entstand, die herzerbrechendsten Scenen spielten sich ab: Soldaten verschlangen aus Verzweiflung und Hunger das Lederzeug, das sie trugen; eine Mutter schlachtete ihr eigenes Kind; hier umarmen Männer ihre Frauen, drücken ihre Kinder zum letzten Male an das zitternde Vaterherz und stürzen hinaus zum Todeskampfe; dort durchbohrt ein Mann sein Weib und seine Tochter, damit sie nicht in die Hände der römischen Krieger fallen. Jetzt geht das Heiligtum in Flammen auf; ein furchtbarer Schrei durchzittert die Luft; ein Priester erklimmt des Daches Zinnen und stürzt sich in den Vorhof; rohe Soldaten stürmen das Heiligtum, auf das Israel mit Stolz und heiliger Scheu gesehen — so endete die schaurige Katastrophe. Zum zweiten Male legt Jerusalem Trauergewänder an — die treue Stadt beklagt ihr treues Volk. Josephus durfte Titus nicht mehr verlassen. Er ging nach Rom. Wohin sollte er auch? Sein Vaterland war zertreten und sein Volk haßte ihn. Das Kaiserhaus gewährte ihm das römische Bürgerrecht und ein Jahresgehalt. Das Haus der Flavier hatte ihm das Leben geschenkt, dessen Namen trug er fortan. In Rom schrieb er zuerst in aramäisch-syrischem Dialekte, später in griechischer Sprache die bereits erwähnte „Geschichte des jüdischen Krieges", sowie seine anderen Schriften, von denen noch die Rede sein soll. Mit scheinbar größerem Rechte wird ihm der Vorwurf gemacht, daß er nach dem Falle von Jotapata mit den Römern umherzog und selbst an ihren Gelagen teilgenommen haben soll, daß er während der Belagerung Jerusalem's als Friedensvermittler für Rom auktrat und endlich, daß er in Rom an der Seite des Siegers stand, als die Helden seines Volkes als Gefangene, in Ketten geschlagen, gesenkten Hauptes durch die Triumpforte des Titns einzogen.

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