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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-05-01 · Heft 5 (1.5.1889) · p. Seite 101

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 5 (1.5.1889)
Date
1889-05-01
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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101 Der politische und religiöse KßaraKter des Alavius Josephus. Populär-wissenschaftlicher Vortrag, gehalten zum Besten des Stipendiumfonds der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin" von vr. Adolf Rosenzweig. (Schluß.) Josephus flüchtete sich und fand in einer Brunnenhöhlung, in der sich bereits an 40 jüdische Krieger zusammengefunden hatten, ein Versteck. Gleich in der ersten Nacht verließ er die Höhle in der Hoffnung, die feindlichen Posten an irgend einem Punkte sorglos, nachlässig zu finden, um vielleicht noch einen Angriff wagen zu können; dasselbe tat er in der zweiten und dritten Nacht, bis ihn ein Weib entdeckte und den Römern verriet. Vespasian sandte an ihn Boten, die mit ihm unterhandeln und ihn: Schonung versprechen sollten. Allein seine Leidensgefährten wollten lieber sterben, als in die Hände der Römer fallen; sie töteten sich gegenseitig und nur wie durch ein Wunder entkam Josephus. Man hat dem Feldherrn, der an sein Leben dachte, während seine Mannschaft bis zum letzten Atemzuge kämpfte, den Vorwurf der Feigheit gemacht und den ganzen Vorgang von Jotapata so darzustellen versucht, als wäre alles ein mit den Römern abgekartetes Spiel gewesen, als habe Josephus nur die günstige Gelegenheit gesucht, den Feinden in die Hände zu fallen. Allein die Verteidigung von Jotapata läßt nicht dm geringsten Zweifel an seine Treue für die nationale Sache zu, sie war vielmehr eine Musterleistung kunstgerechter Kriegsführung. Wol wurde auch später in Jerusalem mit gleichem Heldenmute gekämpft, rationeller aber und regelrechter war die Verteidigung von Jotapata, wo den gut disziplinirten Truppen der Römer ebenso tüchtige jüdische Krieger gegeniiberstanden. Und wäre es dem Josephus wirklich vor und nach dem Falle der Festung so schwer geworden, den römischen Feldherrn zu finden? Man fragt: warum starb er nicht den Heldentod gleich seinen Kriegern? Er selbst gibt uns in der Ansprache, die er an seine Leidensgefährten in der Höhle hielt, Antwort auf diese Frage; dort sprach er unter anderem also: „Feigherzig ist nicht blos derjenige, welcher beim Gebote der Pflicht vor dem Tode zittert, auch der welcher ihm nachrennt ohne Geheiß der Pflicht — kein lebendiges Geschöpf wünscht mit Vorbedacht oder mit freiem Willen zu sterben; mit Allgewalt herrscht bei Allen das Naturgesetz — Liebe zum Leben!" Er war eben eine kalt erwägende, philosophisch-reflektirende Natur; er wollte leben, um vielleicht durch sein Leben seinem Volke noch nützen zu können. Vespasian nahm ihn gefangen, ließ ihn in Ketten schlagen und beabsichtigte, ihn nach Rom zu schicken; allein gar bald fand er an dem gebildeten und gewandten Juden Wohlgefallen, zumal dieser ihm weissagte, die Krone Rom's werde einst auf seinem Haupte strahlen.J) Josephus mußte noch lange die Ketten tragen, obgleich der Feldherr ihn in seiner Nähe behielt. Hätte ihm Rom nicht besser gedankt, wenn er der Verräter seines Volkes gewesen wäre? *) Bgl. bell. III. 8, 9: Dio Cass. LXVI, Sueton, Vesp. c. 5; zur Tradition, der Messias werde aus Rom kommen, vgl. Knittel, Neue Kritik über das weltberühmte Zeugnis des alten Inden Fl. I., Braunschweig 1779; Jer. Targ. zu Ex. 12, 42. Einige sahen in der Weissagung des Josephus etwas Unjudisches, vgl. Jes. 45, 1, Gittin 56a.

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